Ein großes, farbenfrohes Wandbild zeigt eine Frau in einer roten Latzhose, hinter der Clownfiguren zu sehen sind. In kräftigem Gelb steht dort: „YOU’LL NEVER WATCH ALONE F.C. GUNDLACH.“ Daneben sind auf den blauen Wänden Textabschnitte zu lesen. Im Vordergrund stehen drei grüne Stühle und ein runder Tisch.

F.C. Gundlach – “You’ll Never Watch Alone”, Bucerius Kunst Forum Hamburg

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Manchmal schaffe ich es erst kurz vor Schluss in eine Ausstellung. So war es auch bei F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone im Bucerius Kunst Forum. Nur wenige Tage vor dem Ende habe ich die Fotoausstellung in Hamburg besucht – und bin dabei nicht nur einem der bedeutendsten deutschen Modefotografen begegnet, sondern auch meiner Namensgeberin Romy Schneider.

Die F.C. Gundlach-Ausstellung in Hamburg zeigt weit mehr als nur bekannte Modefotografien. Sie widmet sich ebenso seinen Vorbildern und Weggefährt:innen, seiner eigenen Fotosammlung und seinem Wirken als Galerist, Unternehmer, Lehrer und Netzwerker. Rund 200 Werke zeichnen nach, wie eng Fotografie mit Mode, Konsum, gesellschaftlichen Rollenbildern und den jeweiligen technischen Möglichkeiten ihrer Zeit verbunden ist.

Wenn Du die Ausstellung noch sehen möchtest, musst Du allerdings schnell sein: „You’ll Never Watch Alone“ endet bereits am Sonntag, den 16. August 2026.

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F.C. Gundlach im Bucerius Kunst Forum Hamburg

F.C. Gundlach wäre am 16. Juli 2026 hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass widmeten ihm das Bucerius Kunst Forum und die Stiftung F.C. Gundlach eine Ausstellung, die im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg stattfand.

Ein Wandbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto eines älteren Mannes mit Schnurrbart in einer karierten Jacke, der auf einem Fußballplatz steht, im Hintergrund sind Gebäude und ein Turm zu sehen. Links ist eine große Signatur mit der Aufschrift „F. C. Gundlach“ zu sehen. Auf dem Boden steht ein roter Feuerlöscher.
F.C. Gundlach auf dem Rasen des Millerntor, vor dem Hochbunker in der Feldstraße

Gundlach, der von 1926 bis 2021 lebte, gilt als einer der wichtigsten Modefotografen der deutschen Nachkriegszeit. Seine Fotografien erschienen unter anderem in Film und Frau, Stern, Quick, Twen und Brigitte. Er fotografierte Mode, Models und Filmstars wie Hildegard Knef, Cary Grant und Romy Schneider.

Die Ausstellung ist dennoch bewusst nicht als klassische Retrospektive angelegt. Statt sein Leben und Werk lückenlos chronologisch zu behandeln, betrachtet sie ausgewählte Stationen und stellt Gundlachs Fotografien immer wieder Arbeiten anderer Fotograf:innen gegenüber.

Zu sehen sind rund 130 Fotografien von F.C. Gundlach sowie etwa 70 Arbeiten aus seiner umfangreichen Sammlung. Darunter befinden sich Werke von Richard Avedon, Erwin Blumenfeld, Regina Relang, Gordon Parks, Cindy Sherman, Nan Goldin, Irving Penn, Robert Mapplethorpe, Wim Wenders, Wolfgang Tillmans, Robert Frank, Sibylle Bergemann und vielen weiteren bekannten Namen der Fotografiegeschichte.

Warum heißt die Ausstellung „You’ll Never Watch Alone“?

Der Titel ist eine Abwandlung des bekannten Satzes „You’ll Never Walk Alone“, den wir in Dortmund eher mit Fußball und Stadiongesängen im Westfalenstadion verbinden. Er verweist auf die zentrale These der Ausstellung: Fotografien entstehen und wirken niemals vollkommen isoliert.

Fotograf:innen orientieren sich an Vorbildern, reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen, greifen künstlerische Strömungen auf und arbeiten mit Redaktionen, Unternehmen, Models, Stylist:innen und technischen Dienstleister:innen zusammen. Später werden ihre Bilder gesammelt, veröffentlicht, ausgestellt und aus neuen Perspektiven betrachtet.

F.C. Gundlach war in besonderem Maße ein Netzwerker. Seine Kontakte führten ihn von Paris über New York und Berlin bis nach Tokio und Brasilia. Er sammelte Fotografien, förderte junge Talente, betrieb ein Fotolabor, gründete Galerien und trug wesentlich dazu bei, die Fotografie in Deutschland als Kulturgut zu etablieren.

An einer schlichten weißen Wand hängen drei gerahmte Schwarz-Weiß-Architekturfotos. Die beiden linken Bilder sind im Querformat, das rechte Bild im Hochformat. Unterhalb der Rahmen sind kleine Beschriftungen und eine längere Textbeschreibung – mit Bezug auf F.C. Gundlach – direkt auf die Wand gedruckt.
Fotos aus Brasilia – Model vor Bauwerken von Oscar Niemeyer,
rechts: Gunel Person von der Kathedrale Nossa Senhora Aparecida, Brasilia, 1963

Die Ausstellung setzt diesen Netzwerkgedanken überzeugend um. Gundlachs Fotografien werden mit denen seiner Vorbilder, Zeitgenoss:innen und Nachfolger:innen in Beziehung gesetzt. Dank des kostenlosen Audioguides, den Du per App auf dem eigenen Smartphone nutzen kannst, werden viele dieser Beziehungen verständlich erklärt.

Der Aufbau der Ausstellung hat mir grundsätzlich gut gefallen. Den einzelnen Kapiteln und den thematischen Übergängen konnte ich gut folgen. Lediglich die Beschriftungen fand ich an manchen Stellen etwas verwirrend. Offenbar ging es nicht nur mir so: Auch andere Besucher:innen schienen gelegentlich zu überlegen, welche Information zu welchem Werk gehörte.

Auf dem Titelblatt einer Zeitschrift ist eine Frau mit lockigem Haar zu sehen, die ein blaues Hemd, eine rote Weste und eine rote Hose trägt und die Arme verschränkt hat. Hinter ihr ist ein farbenfrohes Gemälde mit Comic-artigen Gesichtern zu sehen – ein Stil, der an F.C. Gundlachs ausdrucksstarke visuelle Erzählweise erinnert. Der Text lautet: „F.C. Gundlach – DU WIRST NIEMALS ALLEINE FERNSEHEN.“.

Lesetipp Katalog

Den zur Ausstellung veröffentlichten Katalog erhältst Du direkt im Shop im Bucerius Kunst Forum oder bequem bei amazon*, direkt zu Dir nach Hause geliefert.

Paris als Ausgangspunkt seiner Karriere

Der Rundgang beginnt im Paris der 1950er-Jahre. Für den jungen F.C. Gundlach wurde die französische Hauptstadt zu einem Gegenentwurf gegen die Enge des westdeutschen Nachkriegsalltags.

Schwarz-Weiß-Foto von F.C. Gundlach zeigt eine stilvolle Frau, die mit einem kleinen Hund (Dackel) aus einem Auto steigt, überlagert von großen gelben „PARIS“-Buchstaben; die rechte Wandseite ist rot und zeigt Textblöcke sowie ein kleines Regal, auf dem ein aufgeschlagenes Buch oder eine Zeitschrift liegt.
Sehnsuchtsort Paris

Er assistierte dem Modefotografen Harry Meerson, besuchte die Präsentationen der großen Modehäuser und begegnete der Haute Couture von Christian Dior, Jean Patou und Jacques Fath. Gleichzeitig knüpfte er Kontakte zu Redaktionen und anderen Fotograf:innen, wie Avedon und Penn, die für Vogue und Harper’s Bazaar arbeiteten.

An einer dunklen Wand hängen zwei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien. Beide Aufnahmen, links stammt von F.C. Gundlach, zeigen Frauen in gemusterten Kleidern. Das linke Foto ist größer und weist einen Effekt mit sich wiederholenden Figuren auf, während das rechte Foto eine Gruppe von Frauen zeigt, die beieinander stehen. Es sind alles Spiegelungen jeweils einer Frau, die vor dieser Spiegelwand steht. Unten und rechts sind kleine weiße Wandtexte zu sehen.
links: F.C. Gundlach, Die Treppe in der Chanel-Boutique in der Rue Cambon, Paris, 1962
rechts: Edward Steichen, Modeaufnahmen im Salon von Coco Chanel, Paris, 1934

Schon in diesen frühen Arbeiten zeigt sich eine Eigenschaft, die für Gundlachs Modefotografie prägend werden sollte: Er isoliert die Kleidung nicht im Studio, sondern stellt eine Beziehung zwischen Model, Mode und Umgebung her.

An den nebeneinander liegenden weißen Galeriewänden hängen zwei gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos, dazwischen eins in Farbe; auf jedem ist eine Person zu sehen, die stilvoll posiert. Neben jedem Foto befinden sich kleine Wandschilder mit Text. Der Galerieraum ist minimalistisch und modern gestaltet und verfügt über einen grauen Bodenbelag.
links: Walde Huth-Schmölz, Cocktailkleid von Jacques Fath, Paris, 1955
Mitte: F.C. Gundlach, Bettina, Paris, Place Vendôme, 1952
rechts: Irving Penn (Bild habe ich im Katalog nicht gefunden), Frau mit Rosen
(Lisa Fonssagrives-Penn in Lafaurie), Paris, 1950

Paris ist in seinen Fotografien nicht einfach nur eine beliebige Kulisse. Straßen, Plätze, Cafés und markante Bauwerke machen die Stadt erkennbar und erzählen zugleich etwas über Modernität und Lebensgefühl. Genau diese Modefotografien, bei denen Paris oder später Berlin deutlich im Hintergrund erkennbar ist, gefallen mir besonders gut. In dieser Zeit prägen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre die Pariser Gesellschaft mit neuen Ideen und schaffen ein neues Lebensgefühl.

Auch der Ästhetik des französischen Films und dessen Darsteller:innen kann er sich nicht entziehen. 1951 realisierte er u.a. eine Reportage über den französischen Schauspieler Jean Marais auf seinem Hausboot. Außerdem trifft Grundlach auf Jean Cocteau, den Geliebten von Marais, mit dem eine ebenso überzeugende Reportage entsteht. Auch hier verschmelzen Künstler, Werk und Innenarchitektur in seinem Werk zu einer künstlerischen Einheit.

Mode und Architektur: Ein Blick von unten

Immer wieder fotografiert Gundlach seine Models aus einer tiefen Kameraposition. Durch diese Untersicht wirken sie größer, selbstbewusster und beinahe monumental. Gleichzeitig bezieht er die Architektur hinter ihnen gezielt in die Bildkomposition ein.

Besonders deutlich wird das in seinen New Yorker Fotografien. Brücken, Hochhäuser und Straßenschluchten bilden nicht nur einen dekorativen Hintergrund, sondern treten auch in einen Dialog mit der Mode. Körper, Kleidung und Architektur ergeben gemeinsam eine grafische Komposition.

An einer Wand des Museums ist ein großes Foto einer Frau in einem Pelzmantel zu sehen, hinter der ein Stadtgebäude zu erkennen ist – ein eindrucksvolles Bild von F.C. Gundlach –, und in einem Rahmen daneben befindet sich eine Anordnung aus neun kleineren historischen Fotos, die verschiedene Menschen und Szenen zeigen.
links: F.C. Gundlach, “Haute Couture der Pelze”, Carmen Dell’Orefice im Nerzmantel von Levermann, New York City, 1958
rechts: weitere, ähnliche Bilder, aus der Serie “Madame in New York”, New York City, 1958

Diese Verbindung von Fashion und Architektur finde ich auch für meine eigene Fotografie inspirierend. Ich reise zwar nicht mit Models durch die Welt und stehe selbst ebenfalls nicht besonders gerne vor der Kamera. Solche Aufnahmen werde ich daher kaum auf dieselbe Weise umsetzen. Der Blick auf Gundlachs Werk erinnert mich aber daran, häufiger die Perspektive zu wechseln, aus einer tieferen Position zu fotografieren und stärker darauf zu achten, wie sich Menschen, Objekte und Bauwerke innerhalb eines Bildes zueinander verhalten.

Modefotografie zwischen Atomzeitalter und Wirtschaftswunder

Besonders mag ich Gundlachs Modefotografien aus den 1960er-Jahren, in denen die Ästhetik des Atom-, Space- und Jet-Zeitalters sichtbar wird. Klare Linien, grafische Muster, futuristisch wirkende Kleidung und moderne Architektur vermitteln den Glauben an Fortschritt und an eine Zukunft, die anscheinend keine Grenzen kennt.

Gleichzeitig erzählen die Fotografien vom westdeutschen Wirtschaftswunder. Mode wird zum Ausdruck gesellschaftlichen Aufstiegs. Reisen, Konsum und ein internationaler Lebensstil werden zu sichtbaren Zeichen einer neu gewonnenen Freiheit und eines wachsenden Wohlstands.

Das gilt auch für die zahlreichen Pelzfotografien. Gundlach arbeitete damals für verschiedene Pelzmodehersteller. In den 1950er- und 1960er-Jahren galten Pelze als Luxusprodukt und Statussymbol. Entsprechend häufig tauchen sie in seinen Modeaufnahmen auf.

An einer weißen Wand hängen drei gerahmte Fotos: zwei Schwarz-Weiß-Porträts einer Person und ein Farbfoto derselben Person, die neben einem gelben Taxi steht, im Hintergrund sind hohe Stadtgebäude zu sehen. Die Bilder spiegeln den unverwechselbaren Stil von F.C. Gundlach wider. Rechts an der Wand ist ein kleiner Text mit Angaben zu den Fotos zu sehen.
rechts (Farbe): Belinda, “Karibik-Reise mit der SS United States, Stopp in New York”, New York City, 1965

Aus heutiger Sicht wirken diese Bilder teilweise befremdlich. Eine solche Menge an Pelzmode wäre in einer aktuellen Modestrecke kaum noch vorstellbar, ohne eine Diskussion über Tierwohl, Konsum und Nachhaltigkeit auszulösen. Gerade deshalb sind die Fotografien interessant: Sie zeigen nicht nur Kleidung, sondern dokumentieren auch die Werte und Sehnsüchte einer bestimmten Zeit.

Badekappen vor den Pyramiden und Models am Machu Picchu

Zu Gundlachs bekanntesten Bildern gehören die Modefotografien vor den Pyramiden von Gizeh. Models präsentieren dort Bademode und auffällige Badekappen vor einer der berühmtesten historischen Kulissen der Welt.

Ein Schwarz-Weiß-Foto in einem schwarzen Rahmen zeigt zwei Frauen mit gestreiften Badekappen, die vor einer Pyramide stehen – eine eindrucksvolle Komposition von F.C. Gundlach. Es hängt an einer schlichten weißen Wand, daneben befindet sich eine kleine Bildunterschrift. Die Szene wirkt minimalistisch und ruhig.
F.C. Gundlach, Karin Mossberg und Micky Zenati für Radium, Gizeh, 1966

Die Kombination ist so unerwartet, dass sie heute fast ein wenig komisch wirkt. Futuristische Bademode, streng arrangierte Models und die jahrtausendealten Pyramiden treffen in einem Bild aufeinander. Gleichzeitig funktioniert die Komposition erstaunlich gut, weil Gundlach die Formen der Mode mit der Geometrie der Architektur verbindet. Apropos futuristische Mode. Auch die Op Art fand Einzug in die Modewelt und Gundlach nahm eines meiner Lieblingsfotos aus der Ausstellung für Sinz Bademoden auf.

An einer weißen Galeriewand hängt ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto von F.C. Gundlach, das eine Frau in einem gestreiften Badeanzug und mit Sonnenbrille zeigt; rechts davon sind ein weiteres gerahmtes Foto und eine Ausstellung zu sehen. Die Galerie hat einen dunkel gesprenkelten Bodenbelag und ist nur spärlich dekoriert.
F.C. Gundlach, Op Art-Badeanzug, Brigitte Bauer, Sinz Bademoden, Vouliagmeni, 1966

Verwirrt haben mich dagegen die Modeaufnahmen vom Machu Picchu. Ein Model in eleganter Kleidung posiert zwischen den Ruinen und den Lamas. Solche Produktionen an kulturell und historisch sensiblen Orten würden heute vermutlich deutlich kritischer diskutiert und unter anderen Bedingungen durchgeführt.

An einer weißen Wand hängen drei gerahmte Fotos über zwei Vitrinen, in denen Zeitschriften und Zeitungen ausliegen. Die Fotos im ausdrucksstarken Stil von F.C. Gundlach zeigen verschiedene Szenen, darunter eine Person auf Steinruinen, Männer in einem Treppenhaus und zwei sich umarmende Menschen. Neben jedem Foto sind Bildunterschriften zu sehen.
links, großes Bild: F.C. Gundlach Auf den Mauern von Machu Picchu, für Diolen, Machu Picchu, 1963
rechts: für den Katalog von Berger (im Schaukasten) zwei Bilder “Pelzreise mit Gunel und Wilhelmina”, Rovaniemi, 1963

Die Bilder führen damit auch vor Augen, wie sehr sich unser Verhältnis zum Reisen, zum kulturellen Erbe und zu den Orten verändert hat, die lange Zeit hauptsächlich als spektakuläre Kulisse betrachtet wurden.

Mit der Lufthansa um die Welt

Eine wichtige Rolle für Gundlachs internationale Arbeit spielte seine langjährige Zusammenarbeit mit der Lufthansa. Bereits ab Mitte der 1950er-Jahre begleitete er Flüge nach Nord- und Südamerika. Die Verbindung mit der Fluggesellschaft ermöglichte ihm Reisen und Fotoproduktionen an Orten, die damals für viele Menschen unerreichbar waren.

Seine Fotografien vermitteln entsprechend eindrücklich das Lebensgefühl der Jet Age. Fliegen wird darin zum Symbol für Modernität, Mobilität und internationalen Aufbruch. Mode, Architektur und Fernweh verbinden sich zu Bildern, die nicht nur Kleidung zeigen, sondern zugleich eine bestimmte Vorstellung vom Reisen vermitteln.

Gundlach fotografierte auf seinen Reisen allerdings nicht ausschließlich Mode. Besonders beeindruckt haben mich seine Aufnahmen aus einer damaligen Leprakolonie in Chiang Mai in Thailand. Sie zeigen eine ganz andere Seite seines Schaffens und stehen im deutlichen Kontrast zu den perfekt inszenierten Models, Pelzen und Modestrecken.

An einer weißen Wand hängen vier Schwarz-Weiß-Fotos in schlichten Rahmen über zwei Textblöcken. Die Bilder zeigen Szenen aus Thailand, darunter Menschenmengen, ein Gebäude, Nahaufnahmen von Händen und eine städtische Straßenansicht. Die Ausstellung ist übersichtlich gestaltet und gut beleuchtet.
links: F.C. Gundlach, “Das Model an der Börse”, Eröffnungsflug der Lufthansa Boeing 707, Tokio, 1961, dann links mittig: Lufthansa Street in der Lepra-Kolonie, Chiang Mai, 1963
rechts mittig: Lepra-Klonie, Chiang Mai, 1963
ganz rechts: Verkehr auf der Nathan Road, Eröffnungsflug der Lufthansa Boeing 707, Hongkong, Kowloon, 1961

Lutz Hartdegen, der Public Relations Manager der Lufthansa, bat ihn persönlich, diesen Ort aufzusuchen und zu dokumentieren. Zuvor bereitete dieser den Eröffnungsflug in Thailand vor und residierte dabei auch im Hotel Oriental, welches damals von der Fotografin Germaine Krull geführt wurde. Er entdeckte dort Zeichnungen leprakranker Kinder, besuchte die Kolonie und spendete ein komplettes Monatsgehalt. Der Start seiner jahrelangen Unterstützung, die auch die Lufthansa bezuschusste.

Mehr als ein Modefotograf

You’ll Never Watch Alone zeigt F.C. Gundlach nicht nur als Fotografen. Nach und nach wird deutlich, wie stark er die Entwicklung der Fotokultur in Deutschland – auch in anderen Rollen – beeinflusst hat.

1967 gründete er in Hamburg das Fotoservice-Unternehmen Creative Colour. Daraus entwickelte sich später PPS, der Professional Photo Service. Im Bunker an der Feldstraße entstanden Labore, Mietstudios und ein Treffpunkt für Fotograf:innen, Verlage und andere Akteur:innen der Medienbranche.

Großes Plakat mit einem Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes in gestreifter Kleidung, überlagert von einem auffälligen roten „PPS“. Rechts neben dem Bild ist auf hellblauem Hintergrund ein Text über den renommierten Fotografen F.C. Gundlach und die Ausstellung abgedruckt. Das Plakat ist in einer Galerie angebracht.
PPS.

1975 eröffnete Gundlach die PPS. Galerie. Dort zeigte er internationale Fotografie, als Fotografien in Museen und auf dem Kunstmarkt noch längst nicht den heutigen Stellenwert besaßen. Später lehrte er in Berlin, initiierte die Triennale der Photographie Hamburg und wurde Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen.

An einer dunklen Wand hängen zwei gerahmte Fotos: Das linke Bild ist ein Schwarz-Weiß-Porträt einer Person im Tanktop im Freien; das rechte Bild zeigt eine Person in einer Jacke, die in der Abenddämmerung bei rosa Licht auf einer Straße in der Stadt steht. Unter jedem Foto befinden sich kleine Wandbeschriftungen.
Unterstütze Künstler:innen: David Armstrong, “Andrew at Battery-Park”, New York City, 1994 (links), Nan Goldin, “David on the Bowery”, New York City, 1991

Seine eigene Arbeit lässt sich deshalb kaum von seinem Sammeln, Ausstellen, Fördern und Vernetzen trennen. Die Gegenüberstellungen im Bucerius Kunst Forum machen sichtbar, welche Fotograf:innen ihn beeinflussten – und wie sein Blick wiederum auf spätere Generationen wirkte.

Mein Lieblingsfoto: Romy Schneider mit Kreuz

Mein persönlicher Höhepunkt der Ausstellung ist Romy mit Kreuz. Das Porträt zeigt Romy Schneider, nach der ich benannt wurde. Schon deshalb besitze ich eine besondere Verbindung zu diesem Bild.

Ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau mit nach hinten gekämmten Haaren, die ein dunkles Kleid und eine Kreuzkette trägt, ist an einer weißen Galeriewand ausgestellt, über der eine gezielte Beleuchtung angebracht ist, die einen leichten Schatten um den Rahmen wirft.
F.C. Gundlach. “Romy mIt Kreuz”, Romy Schneider, Hamburg, 1961

Es ist eines der bewegenden Porträts, die F.C. Gundlach von der Schauspielerin angefertigt hat. Die Fotografie ist kontrastreich; weite Bereiche des Bildes liegen im Dunkeln. Romy Schneiders Gesicht tritt daraus hervor, doch auch ihr Ausdruck bleibt von einer auffälligen Schwere geprägt.

Sie wirkt nachdenklich und traurig. Aus heutiger Perspektive scheint dieser Blick beinahe ihr späteres Schicksal vorwegzunehmen. Natürlich entsteht dieser Eindruck auch durch das Wissen, das wir inzwischen über ihr Leben und ihren frühen Tod besitzen. Trotzdem kann ich mich der Wirkung des Porträts kaum entziehen.

An einer Wand in einer Galerie für moderne Kunst hängt ein großes Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau in einem dunklen Kleid und mit einer Kreuzkette, aufgenommen von F.C. Gundlach. Im Hintergrund sind mehrere kleinere gerahmte Fotografien in einer Reihe an einer weißen Wand ausgestellt.
rechts: F.C. Gundlach. “Romy mIt Kreuz”, Romy Schneider, Hamburg, 1961

Es ist kein glamouröses Starfoto. Gundlach zeigt hier nicht die unnahbare Schauspielerin oder die idealisierte „Sissi“, sondern einen stillen und verletzlich wirkenden Menschen. Gerade das viele Dunkel und der ernste Gesichtsausdruck machen das Bild für mich so eindrücklich.

Zwischen all den Modestrecken, Reisen und spektakulären Kulissen entsteht vor diesem Porträt ein sehr leiser Moment. Vielleicht ist es genau dieser Kontrast, der dafür sorgt, dass Romy mit Kreuz für mich das stärkste Bild der Ausstellung bleibt.

Warum Du die F.C. Gundlach-Ausstellung in Hamburg besuchen solltest

F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone ist keine Ausstellung, die einfach nur schöne Modefotografien aneinanderreiht. Sie zeigt, unter welchen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kreativen Bedingungen diese Bilder entstanden sind.

Gundlachs Fotografien erzählen vom westdeutschen Wirtschaftswunder, vom wachsenden Konsum, von neuen Reisemöglichkeiten und vom Glauben an den technischen Fortschritt. Gleichzeitig werfen sie Fragen auf: Welche Schönheitsideale vermittelt die Modefotografie? Welche Vorstellungen von Wohlstand werden vermittelt? Wer darf welche Orte als Kulisse verwenden? Sowie: Welche Bilder würden wir heute anders produzieren oder bewerten?

Nicht alles in Gundlachs Werk lässt sich problemlos in die Gegenwart übertragen. Pelzmode, aufwendige Produktionen an historischen Orten oder manche Vorstellungen von Exotik wirken heute aus der Zeit gefallen. Aber genau deshalb lohnt sich der Blick. Die Ausstellung verklärt ihre Entstehungszeit nicht, sondern ermöglicht es, die Bilder aus heutiger Perspektive neu zu betrachten.

Für mich bleibt F.C. Gundlach trotz dieser Brüche ein fotografisches Vorbild. Seine Perspektiven, seine Verbindung von Mode und Architektur und sein Gespür für Orte sind inspirierend. Noch wichtiger ist vielleicht seine Offenheit gegenüber anderen fotografischen Positionen. Er betrachtete Fotografie nicht als einsame Tätigkeit, sondern als Ergebnis von Begegnung, Austausch und gegenseitiger Inspiration.

Ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto von F.C. Gundlach zeigt drei Kinder in gestreiften Kleidern, die an einem mit Graffiti übersäten Gebäude vorbeigehen. Ein Model steht neben einem Fahrrad im Eingangsbereich. Das Kunstwerk ist an einer dunklen Galeriewand angebracht, rechts unten befindet sich ein Beschriftungsschild.
ein weiteres meiner Lieblingsfotos: F.C. Gundlach “Duzfreund der Wirklichkeit”, Berlin (West), Kreuzberg, 1962

Oder, um es mit dem Titel der Ausstellung zu sagen: Wir schauen niemals ganz allein.

Praktische Informationen zur F.C. Gundlach Ausstellung

F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone

Bucerius Kunst Forum
Alter Wall 12
20457 Hamburg

Website

📅 Laufzeit: 08. Mai bis 16. August 2026
Öffnungszeiten:
täglich 11 bis 19 Uhr
donnerstags bis 21 Uhr
🎟️ Eintritt:
regulär 12 Euro
ermäßigt 6 Euro
Dienstag 6 Euro
🎧 Audioguide:
kostenlos per BKF-Guide-App auf dem eigenen Smartphone

Wenn Du den Audioguide nutzen möchtest, solltest Du Deine Kopfhörer mitbringen. Gerade die Erklärungen zu den Gegenüberstellungen von Gundlachs Fotografien mit den Werken anderer Fotograf:innen lohnen sich.

Katalog gibt es z.B. bei amazon*.

Aktuelle Informationen und Tickets findest Du auf der Website des Bucerius Kunst Forums.

Im Herbst 2027 soll die Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen sein.

Fotos: Sofern nicht anders angegeben, unterliegen die Fotos meinem Urheberrecht. Diese und weitere Fotos sind als Inspiration auf Flickr zu finden. Das Urheberrecht der in der Ausstellung gezeigten Fotos liegt bei den Künstler:innen, deren Erben bzw. der Stiftung F.C. Gundlach. Das Urheberrecht an der Gestaltung und Hängung liegt bei den beteiligten Partner:innen sowie dem Bucerius Kunst Forum.

Offenlegung: Ich war privat am Dienstag in der Ausstellung und habe Katalog, Anreise und Eintritt selbst bezahlt.


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Romy

Romy (*1981) hat ihre Heimatbasis in der Ruhrmetropole Dortmund und arbeitet als Bloggerin und Freelancerin im Bereich Social Media, Content Strategie und Community Management.

Sie bloggt seit 2006.
Übers Reisen regelmäßiger seit 2013. Wenn sie Zeit dazu findet.

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