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Webstuhlnahaufnahme mit Schiffchen.

Margaretha-Reichardt-Haus – Bauhaus-Spuren in Erfurt

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In Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen prägte das Bauhaus nachhaltig die Kulturlandschaft der 1920er Jahre. Was sich viele heute wünschen – eine zusammenhängende Kulturregion – gab es zu diesem Zeitpunkt schon. Das Bauhaus-Netzwerk erstreckte sich von Jena, Dornburg, Dessau, Leipzig, Weimar bis nach Erfurt. Auch Margaretha Reichardt, genannt Grete, war Teil davon und hinterließ in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt Bauhaus-Spuren.

Die Textilwerkstatt am Bauhaus

Mit dem Umzug von Weimar nach Dessau begann die Weiterentwicklung des Bauhauses in Richtung Industriedesign. Das Bauhaus wollte zeitgemäß sein und maß sich immer an der wandelnden Realität. So vollzog Walter Gropius tiefgreifende Änderungen in der Lehre direkt nach dem Ortswechsel 1925 sowie noch einmal 1927, als das neue Bauhaus-Gebäude in Dessau bezogen wurde. So sollte das Bauhaus zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Produktivbetrieb werden. Dazu wurde endlich die Bauhaus GmbH gegründet, die Gropius schon seit Weimar vorschwebte.

Bauhausgebäude in Dessau, Oktober 2018.
Bauhausgebäude in Dessau, Oktober 2018

Die Zahl der Werkstätten wurden reduziert und die Teilung in Lehr- und Produktivbetriebe stand jetzt im Lehrplan. Mit der Verleihung des Titels „Hochschule für Gestaltung“ 1927 bekam das Bauhaus noch eine Aufwertung, die handwerklichen Bezeichnungen (Lehrling, Geselle, Meister) entfielen. Die Lehrbriefe entfielen an der Druck- und Reklamewerkstatt, doch die Ausbildung in der Weberei behielt diese bei.

Nur mit dem Abschluss eines dreijährigen Lehrvertrags konnten die Studenten in der Weberei tätig werde. Das Studium wurde weiterhin mit einer Gesellenprüfung abgeschlossen, wobei das Bauhausdiplom zusätzlich möglich war. Oftmals wurden Frauen nach dem Vorkurs am Bauhaus vom Meisterrat in die Weberei „abgeschoben“, obwohl sie Malerei, Architektur oder Metallverarbeitung studieren wollten. Dabei entwickelte sich die Weberei zu einer der innovativsten und kommerziell erfolgreichsten Zweige des Bauhauses.

Gunta Stölzl – Erneuerin der Handwebkunst

Die Bauhaus-Studentin Gunta Stölzl, die seit 1919 am Bauhaus war, hatte eine große Affinität zum Weben und zu Textilien und lernte bis 1924/25 in der Weberei von Georg Muche. Die Textilwerkstatt führte sie bereits ab 1925 organisatorisch und inhaltlich als Werkmeisterin (unter Webmeister Wanke, der für technische Fragen zur Verfügung stand). 1927 wurde sie nach dem Weggang Muches die erste weibliche (Jung-)Meisterin am Bauhaus durch eine kleine Revolution von unten. Die Mitarbeiter der Weberei setzten Gunta beim Meisterrat durch, wodurch sie zur Leiterin der Weberei aufstieg.

Gunta Stölzl, Bauhaus-Ausweis Foto: gemeinfrei, via Wikipedia.
Gunta Stölzl, Bauhaus-Ausweis
Foto: gemeinfrei, via Wikipedia

Während ihrer Arbeit als Werkmeisterin sowie Jungmeisterin schaffte Gunta verschiedene Webstuhlsysteme an, die sowohl für Lehre als auch für die Produktion geeignet waren. Auch Grundkenntnisse auf Handwebstühlen wurde vermittelt, um kleine kunsthandwerkliche Werkstätten selbständig führen zu können. Außerdem wirkte Gunta am Aufbau der Bauhaus-eigenen Färberei mit. Das Färben wurde Teil der Bindungs- und Materiallehre der Webereiwerkstatt.

Der Entwurfsprozess wurde außerdem zum Teil systematisiert und gewebte Stoffe als Muster in einer Art Katalog zusammengestellt. So lernten die Studenten den Produktionsprozess vom Färben über das Weben bis zur Bestellung der Stoffe kennen. Im Unterricht von Paul Klee lernten sie zusätzlich die Gesetze der Musterung und Farbanordnung.

Weitere berühmte Weberinnen des Bauhauses

Der „Gebrauchsstoff“ sollte nun im Vordergrund stehen. „Stoffe im Raum“, wie Otti Berger distanziert bemerkte. Sie galt als eine der begabtesten Weberinnen am Bauhaus. Sie starb 1944 im KZ Auschwitz.

In der Dessauer Zeit entstanden Spannstoffe wie der Eisengarnstoff für die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, aber auch Spannstoffe für Wände, lichtdurchlässige Gardinenstoffe. Außerdem führte die Webereiwerkstatt systematische Versuche mit neuen Materialien wie Chenille oder Cellophan durch.

Anni Albers, die Frau von Bauhausmeister Josef Albers, verbrachte die wohl eindrucksvollste Leistung. Sie schuf als Abschlussarbeit einen Spannstoff aus Baumwolle und Cellophan, der auf beiden Seiten unterschiedliche Merkmale hatte – auf der einen Seite schallschluckend, auf der anderen Seite lichtreflektierend. Dieser Stoff wurde als Wandbespannung für die Aula der Bundesschule des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) in Bernau bei Berlin verwendet, um die Akustik zu verbessern. 1931 übernahm sie von Gunta die Weberei am Bauhaus.

Margaretha Reichardt – Fortführen der traditionellen Handweberei

Margaretha Reichardt, genannt Grete Reichardt, war von 1926-31 eine der Schülerinnen von Gunta Stölzl in der Weberei am Bauhaus in Dessau. Zuvor hatte sie bereits eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in ihrer Heimat Erfurt absolviert.

Frau im Clubsessel B3 von Marcel Breuer, Maske von Oskar Schlemmer, Kleid von Lis Beyer Foto: Erich Consemüller, um 1927/ © Klassik Stiftung Weimar / © Stephan Consemüller (Erich Consemüller).
Frau im Clubsessel B3 von Marcel Breuer, Maske von Oskar Schlemmer, Kleid von Lis Beyer
Foto: Erich Consemüller, um 1927/ © Klassik Stiftung Weimar / © Stephan Consemüller (Erich Consemüller)

Sie entwickelte am Bauhaus das Eisengarn weiter und verbesserte dessen Eigenschaften. Außerdem webte sie Gurte, die strapazierfähig und formstabil blieben. Marcel Breuer benutzte diese für seine Stahlrohlmöbel wie z.B. den Wassily-Chair (Stahlrohrsessel B3). Die von Margaretha Reichardt entwickelten Stoffe wurden in den 1930ern auch für Flugzeugsitze verwendet. Schon während ihrer Zeit am Bauhaus waren Teppiche ihr Steckenpferd. Außerdem wirkte sie bei Großprojekten mit, z.B. der Ausgestaltung der Bundesschule des ADGB und des Operncafés in Dessau.

Nach dem Studium am Bauhaus sowie einem Abstecher in die Niederlande kehrte Margaretha Reichardt 1933 in ihre Heimat zurück und konnte erste Erfolge mit Wandteppichen (Tapisserien) aus ihrer Werkstatt in Erfurt-Bischleben erzielen. Industrieller Erfolg blieb aber oft aus.

Das Margaretha-Reichardt-Haus, Erfurt-Bischleben

Für ihre eigene Werkstatt ließ Margaretha Reichardt 1939 nach ihren eigenen Vorstellungen und Entwürfen ihres Bauhaus-Kommilitonen Konrad Püschel ihr Wohn- und Atelierhaus in Erfurt-Bischleben errichten. Das zweigeschossige Haus auf dem Kirchberg ist seit 1987 als ein technisches Denkmal klassifiziert und wird vom Angermuseum Erfurt betreut.

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Püschel war zu dieser Zeit Mitarbeiter von Alfred Arndt, der ebenfalls am Bauhaus war und mit dem „Haus des Volkes“ in Probstzella (1927) einen architektonischen Coup landete. Püschel selbst galt als der letzte lebende Bauhäusler. Er starb 1997 in Weimar.

Von außen erinnert das Haus wenig an das Bauhaus. Doch im Inneren ist es sichtbar von der Hochschule geprägt. Einige großflächige Wandteppiche hängen in der Diele und im Wohnzimmer sind Breuer-Stühle mit ihren Stoffen zu finden. Die Wohnräume wurden wie zu Zeiten der Weberin belassen.

Wohnzimmer von Grete.
Wohnzimmer von Grete

Die Kellerwerkstatt

In der Kellerwerkstatt stehen noch heute insgesamt sechs Webstühle, wobei zwei direkt aus der Webereiwerkstatt des Bauhauses stammen. Margaretha Reichardt übernahm die Webstühle, als das Bauhaus 1933 schließen musste. An den Webstühlen bildete Grete Reichardt von 1942 bis zu ihrem Tod 1984 mehr als 50 Lehrlinge aus.

"Webstühle

Ich selbst habe die Reichardt-Schülerin Christine Leister während meines Besuchs kennengelernt, die bei Margaretha Reichardt lernte und bis zu ihrem Tod in der Werkstatt mitarbeitet. Sie kann heute noch in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit und Präzision die Webstühle bedienen. Da sitzt jeder Handgriff, was mich sehr beeindruckte.

Die Finger von Christine Leister am Webstuhl.
Die Finger von Christine Leister am Webstuhl

Margaretha Reichardt – der Widerspruch in sich

Margaretha Reichardt war keine Verfechterin der Moderne. Ihr war die Heimat Erfurt wichtig und das Weben. Das Haus wirkt daher nicht modern. Ihr Verdienst aber: während der Trend zur maximal möglichen Industrialisierung ging, führte sie die Handwerkskunst weiter und erhielt so die Handweberei.

War sie eine Opportunistin? Es ist unklar, ob sie Mitglied in der NSDAP war. Auf jeden Fall wurde sie 1936 Mitglied der Reichskulturkammer und konnte so ihre Textilien in verschiedenen Ausstellungen und in Museen präsentieren.

Unumstritten ist auch ihre Rolle am Weggang von Gunta Stölzl vom Bauhaus. Mit zwei weiteren Kommilitonen dichtete sie der Bauhausmeisterin homosexuelle Neigungen an. Desweiteren mobbten sie Gunta wegen ihres jüdischen Ehemannes Arieh Sharon und stellten ihre Befähigung als Meisterin in Frage, so dass sie im Oktober 1931 Dessau in Richtung Schweiz verließen. Margaretha Reichardt, die 1929 erst die Gesellenprüfung ablegte, 1931 dann das Bauhaus mit dem Bauhausdiplom abschloss, verließ daraufhin ebenfalls Dessau.

Sie gilt heute vielleicht weltweit nicht unbedingt zu den berühmtesten Bauhäuslern, doch hat sie es zu den höchsten staatlichen Weihen gebracht. In der DDR fanden ihre Wandteppiche – vor allem mit eher Mustern aus der Klassik und Antike – viel Anerkennung und brachten ihr zahlreiche Kunstpreise ein. Erst in den 1970ern besann sie sich auf ihr Wurzeln und kämpfte für den Erhalt des Bauhaus-Erbes in Weimar und Dessau.

Weitere Bauhaus-Spuren in Erfurt

Margaretha Reichardt war nicht die einzige Spur des Bauhauses in der thüringischen Landeshauptstadt. Während in Weimar nur das Haus am Horn von Muche sichtbar auf das Bauhaus verweist, waren die Voraussetzungen für das „Neue Bauen“ in Erfurt besser. Hier konnte die klare Formsprache in den Goldenen Zwanzigern intensiv das Stadtbild prägen. Erfurt präsentierte sich mit dem „Neuen Bauen“ als moderne Großstadt, der es in den 1920ern kurzzeitig sehr gut ging.

Ambitionierte Geschäftshäuser finden sich in Erfurt, aber auch Wohnsiedlungen in den Vorstädten, die an das Bauhaus erinnern. Der Einfluss des „Neuen Bauens“ ist nicht von der Hand zu weisen, z.B. im Hanseviertel. In der Innenstadt finden sich die folgenden Bauten, zum Großteil vom Erfurter Architekten Heinrich Herrling:

Andere Gebäude mussten dem Bagger weichen, so z.B. das Phoenix-Haus mit UFA-Palast-Kino (Bahnhofsstraße, 1931), dessen Fassade aber zumindest erhalten werden konnte und das Eingangsgebäude des Nordbades (1929), welches trotz Denkmalschutzes im November 2008 abgerissen werden durfte.

Weitere Informationen

Margaretha-Reichardt-Haus
Am Kirchberg 32
99094 Erfurt-Bischleben

Website

Das Haus gehört seit 1992 als Außenstelle zum Angermuseum Erfurt. Das Haus befindet sich in einer Wohnsiedlung. Vor dem Haus gibt es nur begrenzt Parkmöglichkeiten. Am Besten den Bus 51 ab Erfurt Hauptbahnhof in Richtung Hochheim bis „Am Kirchberg“ nutzen.

Öffnungszeiten

Seit dem 11. August 2018 ist das Margaretha-Reichardt-Haus wieder für Besucher geöffnet. Besichtigung und Vorführung der Kunst des Handwebens sind nach Anmeldung unter den Rufnummern 0361 7968726 oder 0361 655-1640 möglich. 

Preise

  • Erwachsene: 4 Euro
  • ermäßigt: 2,50 Euro
  • Familie: 8 Euro

Gruppenbesuche bis max. 10 Personen möglich

Führungen

Führungen (ca. 60 Minuten, Deutsch): ab 20 Euro
(Preis für andere Sprachen auf Anfrage)

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Soweit nicht anders angegeben stammen die Fotos von mir. Diese sind im Rahmen einer von mir begleiteten Pressereise der Deutschen Tourismus-Zentrale (DTZ) und des in Weimar im Oktober 2018 von der DTZ veranstalteten Summits entstanden. 

Alle meine Fotos zum Bauhausjahr 2019 kannst Du auf Flickr ansehen ebenso meine Fotos von Erfurt bei Nacht. Die Fotos unterliegen meinem Urheberrecht. 

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