In einer Galerie steht eine hohe, grüne Skulptur aus übereinander gestapelten Figuren vor einer Wand, auf der eine Zeitleiste und eine große Schwarz-Weiß-Fotografie des Künstlers Jörg Immendorff zu sehen sind, der einen Affen im Arm hält; über ihm befindet sich ein augenförmiges Logo.

Immendorff, Kunstpalast Düsseldorf

Schwarzweißfoto einer Frau (Romy Mlinzk, Foto: Niels Rohrweber), die in die Kamera lächelt. Sie hat schulterlanges Haar und trägt einen gemusterten Schal und einen karierten Mantel. Im Hintergrund ist ein Teil des Eingangs eines Gebäudes mit einigen Glastüren zu sehen. Die Beleuchtung hebt ihren fröhlichen Gesichtsausdruck hervor.
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Große Bilder, große Gesten, großes Ego: Jörg Immendorff war kein Künstler, der sich dezent im Hintergrund hielt. Kommunist, Beuys-Schüler, Kneipenwirt, Professor und irgendwann Freund des Bundeskanzlers. Ein Lebenslauf, bei dem die Berufsberatung vermutlich kurz das Zimmer verlassen hätte.

In der Retrospektive „Immendorff“ im Kunstpalast Düsseldorf kannst Du vom 25. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 entdecken, was hinter diesem öffentlichen Image steckt. Rund 120 Werke aus fünf Jahrzehnten führen Dich in sechs Kapiteln vom politischen Aufbruch über die deutsche Teilung und die Selbstinszenierung als Künstler bis zu einem Lebensende, an dem das Malen immer schwieriger wurde.

Natürlich begegnet Dir dabei auch der Macho Jörg Immendorff. Der breitbeinige Malerfürst, der sich selbst durchaus gern zur Hauptfigur machte. Mich interessiert besonders, wo diese Pose Risse bekommt. Wenn Du darauf achtest, entdeckst Du bei Immendorff einiges, das nicht so recht zum Bild des unerschütterlichen Künstleregos passen will.

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Immendorff in Düsseldorf: eine Rückkehr mit Vorgeschichte

Düsseldorf war für Jörg Immendorff weit mehr als eine Adresse. 1963 begann er sein Studium an der Kunstakademie, zunächst beim Bühnenbildner Teo Otto. Schon ein Jahr später wechselte er zu Joseph Beuys. Später arbeitete er als Kunstlehrer an Düsseldorfer Schulen, ab 1996 als Professor an jener Akademie, an der er einst für Unruhe gesorgt hatte. Vom Hausverbot zum Professor: Auch Institutionen können offenbar dazulernen.

In einer Galerie steht eine hohe, grüne Totem-Skulptur von Immendorff vor einer Wand, an der ein großes Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes zu sehen ist, der ein kleines Tier im Arm hält; darüber befindet sich ein bronzefarbenes, kreisförmiges Emblem, das einen Affen in einem großen Auge darstellt.
Jörg Immendorff – Foot: John McIver, Porträt Jörg Immendorff in Auckland, Neuseeland, 1987

Beim Rundgang folgst Du seinem Werk chronologisch. Neben Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen findest Du auch Fotografien, Dokumentationen seiner Aktionen sowie Archivmaterial. Zusammengestellt haben die Ausstellung Felicity Korn und Westrey Page, die dafür eng mit dem Nachlass zusammenarbeiteten.

Falls Du im Zusammenhang mit der Ausstellung über die Formulierung „erste Retrospektive“ stolperst: Bereits 1982 gab es eine umfangreiche Präsentation in der Kunsthalle Düsseldorf zu Immendorffs Papierarbeiten, und 2018 eine Retrospektive im Münchner Haus der Kunst.

Im Kunstpalast bekommst Du nun eine umfassende Rückschau in seiner Wahlheimat, die auch sein späteres Schaffen einbezieht. Du entdeckst hier also keinen vergessenen Unbekannten, sondern jemanden, der eher noch bei Menschen über 35 in Erinnerung geblieben ist. Gelegenheit, Dir ein eigenes Bild von ihm zu machen, gibt es reichlich.

„Hört auf zu malen“: ein Maler probt den Aufstand

Schon bei den frühen Arbeiten begegnet Dir einer seiner schönsten Widersprüche: Um 1966 malt Immendorff Hört auf zu malen. Eine Aufforderung, die er glücklicherweise selbst nicht dauerhaft befolgt hat.

Ein Ölgemälde zeigt einen kräftigen roten Hintergrund mit der weißen Aufschrift „HÖRT AUF ZU MALEN“, die von zwei dicken, dunklen, X-förmigen Pinselstrichen durchgestrichen ist, darunter eine undeutliche blaue Form und neben dem Rahmen ein Plakat.
Jörg Immendorff, Hört auf zu malen, um 1966, Van Abbemuseum, Eindhoven

Hinter dem provokanten Satz steckt allerdings eine Frage, die Dich durch die Ausstellung begleitet: Was kann Kunst bewirken? Reicht es, Bilder zu produzieren, während außerhalb des Ateliers Krieg herrscht und gesellschaftliche Ungleichheiten bestehen? Oder muss ein Künstler eingreifen, auf die Straße gehen, mit anderen gemeinsam etwas verändern?

In den Baby-Bildern der 1960er-Jahre verbindet Immendorff eine demonstrativ einfache Bildsprache mit Friedenshoffnungen im Schatten des Vietnamkriegs. Überdimensionale Säuglinge treten als Protestfiguren auf. Niedlichkeit hatte hier einen politischen Auftrag.

Gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau, Chris Reinecke, gründete Immendorff die Initiative LIDL auf dem Höhepunkt der Studierendenproteste. Der Name ging auf einen Babylaut zurück. Mit Aktionen, Diskussionen und einer eigenen LIDL-Akademie wollte die Gruppe den Kunstbetrieb öffnen – auch für Menschen ohne Studienplatz.

An einer Galeriewand sind eine schwarze Lidl-Flagge, ein deutscher Flaggenstreifen mit der Aufschrift „ALLE DEUTSCHEN NICHTSCHWIMMER INS WASSER“ sowie ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „3.0“ zu sehen. Auf einem Sockel darunter befinden sich Archivdokumente und Schwarz-Weiß-Fotografien.
neodadaistische Kunstakion LIDL von Immendorff & Reinecke, 1968-1970

Die Akademieleitung war von dieser eigenmächtigen Bildungsreform wenig begeistert: Bereits im Dezember 1968 erhielt Immendorff Hausverbot, nachdem die Gruppe im Gebäude eine eigene „LIDL-Klasse“ eingerichtet hatte. Als sie im Mai 1969 trotzdem eine offene Arbeitswoche veranstaltete, eskalierte der Konflikt. Die Leitung verweigerte die Genehmigung, die Polizei räumte die Veranstaltung und die Kunstakademie wurde vorübergehend geschlossen. Dahinter steckt eine Frage, die Dir auch heute noch begegnet: Wer bekommt Zugang zur Kunst, und wer entscheidet darüber?

An einer Museumswand ist ein Triptychon zu sehen, auf dem der deutsche Text „Hier dürfen wir arbeiten, lieben, liegen“ steht. Darunter hängen zwei Schwarz-Weiß-Zeichnungen neben einem Raster aus sechs bunten, illustrierten Symbolen in Form von aufgeschlagenen Büchern.
links: “Herr Trier kündigt mir Hausverbot an”, 09. Dezember 1968

Chris Reinecke möchte ich dabei ausdrücklich als eigenständige Künstlerin und Mitinitiatorin hervorheben. Wenn Dir ein so dominanter Künstlername wie Immendorff begegnet, geraten die Menschen neben ihm schnell in den Hintergrund. Sie wurde daher auch lange in der Literatur als Hauptakteurin verdrängt.

In den 1970er-Jahren stellte Immendorff seine Kunst zeitweise ganz in den Dienst seiner kommunistischen Überzeugungen und betrieb eindeutig Propaganda. Entsprechend plakativ fallen die Bilder aus. Bei „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“ von 1973 bekommst Du die Frage gleich auf der Leinwand serviert. Subtile Gesprächseröffnung geht anders. Ich frage mich dabei allerdings auch, ob ein gesellschaftlicher Anspruch allein schon ein gutes Bild ergibt.

An einer dunkelblauen Museumswand hängt ein Gemälde von Immendorff, auf dem ein Mann auf ein „KAMPF“-Plakat zeigt, während ein anderer sitzt und eine Liste von Kunststilen aufzeichnet. Darunter steht der Text „WO STEHST DU MIT DEINER KUNST, KOLLEGE“.
Jörg Immendorff, Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?, 1973, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris

Café Deutschland: Die deutsche Teilung sitzt mit am Tisch

Ab Ende der 1970er-Jahre findet Immendorff mit den Café Deutschland-Bildern zu jener Bildwelt, die ihn international bekannt macht, komplexe Inhalte gut zugänglich zu machen. Vor diesen Gemälden stehst Du schummrig beleuchteten Kneipen und Cafés gegenüber, in denen sich Menschen, Symbole und historische Anspielungen drängen. Die deutsche Teilung wird zum Thema eines ganzen Bilderzyklus.

In diesem Gemälde von Immendorff quillt eine große, grüne, müllcontainerähnliche Struktur vor Schutt und Figuren über, vor dem Hintergrund einer dunklen, dramatischen Landschaft – alles eingebettet in eine chaotische Szene mit gedämpften Farben und einem leuchtend orangefarbenen Horizont.
Tor I,1980

Mit einem gemütlichen Kaffeehausbesuch hat das wenig zu tun. Hier sitzt die deutsche Geschichte mit am Tisch und hat offensichtlich einiges aufzuarbeiten. Immendorff verspürte eine wachsende Unzufriedenheit bei der Behandlung der “deutschen Frage” durch die Politik.

Eine zentrale Rolle spielt Immendorffs Verbindung zum damals in Dresden lebenden Künstler A. R. Penck. In Café Deutschland I von 1978 reicht Immendorff ihm durch eine Mauer die Hand. An dieser Geste kannst Du gut nachvollziehen, wie eng hier Persönliches und Politisches zusammenliegen: Zwei Künstler suchen Verbindung, während ihre Staaten sie voneinander trennen.

An einer hellgrünen Wand über Reihen leerer schwarzer Stühle hängen zwei große, chaotische narrative Gemälde von Immendorff. Ein Mann in blauem Hemd und Jeans geht zwischen den Kunstwerken hindurch und trägt dabei eine Kameratasche unter hellen, quadratischen Deckenplatten.
links: Café Deutschland I, 1978, Museum Ludwig & Café Deutschland XII – Adlerhälfte, 1982

Doch auch eine andere Interpretation liegt nahe, vor allem aus aktueller Sicht. Hier reicht ein Mensch einem anderen die Hand, durch eine Mauer, die so instabiler wird, vielleicht Risse bekommt. Eine Einladung zum Gespräch und zum Kennenlernen? Auch heute bräuchten wir wieder mehr ein Aufeinanderzugehen als die Spaltung. Wir sollten Mauern einreißen und das Gespräch mit dem Gegenüber suchen.

Auch Naht von 1981 beschäftigt sich ebenfalls mit der Verletzung durch die Teilung. Das Brandenburger Tor erscheint als Narbe. Das Bild fand ich schon bei der Geheime Macht der Düfte-Ausstellung so faszinierend.

Für diese monumentalen Gemälde solltest Du Dir Zeit nehmen. Du kannst Figuren entdecken, Beziehungen nachverfolgen und Zeichen entziffern. Dafür musst Du nicht jeden historischen Kopf sofort erkennen. Mein Tipp: Such Dir zunächst ein Detail und schau von dort aus weiter. Wenn Du versuchst, ein solches Bild auf einen Blick zu erledigen, machst Du es Dir unnötig schwer.

Der Macho und der Malerfürst: Wer bekommt die große Bühne?

Immendorff verstand sich auf öffentliche Auftritte. Wenn Du Dich mit seiner Biografie beschäftigst, gehören die Kontakte und das demonstrative Selbstbewusstsein ebenso dazu wie die Bilder. 1984 übernahm er die Bar La Paloma auf St. Pauli; später bewegte er sich ebenso selbstverständlich im Umfeld von Politik und gesellschaftlicher Prominenz. Aus dem linken Provokateur wurde ein gefeierter Künstler mit Zugang zur Macht.

Ein strukturiertes, sepiafarbenes Porträt von Gerhard Schröder ist in einen ovalen Rahmen gefasst. Im Hintergrund sind dunkle, abstrakte Muster auf einer marineblauen Wand zu sehen, links davon ist eine kleine Informationstafel zu erkennen.
Ohne Titel (Gerhard Schröder), 2007, Studie des Porträts aus dem Bundeskanzleramt – das wohl bekannteste Werk Immendorffs

Der Begriff „Malerfürst“ passt zu dieser Inszenierung erstaunlich gut. Ein bisschen Atelier, ein bisschen Hofstaat. Selbstverständlich mit dem Künstler im Zentrum.

Im Innenraum einer Kunstgalerie sind ein farbenfrohes expressionistisches Gemälde von Immendorff, das zwei Menschen an einem Tisch zeigt, eine große Schwarz-Weiß-Fotografie eines sitzenden Mannes sowie zwei Holzskulpturen auf Sockeln neben einem hohen Stuhl zu sehen.
Macho Immendorff als Ballerina – Rainer Fichel, Jörg Immendorff in Hamburg, um 1986

Genau hier wird der Machoaspekt für mich interessant. Wie viel Raum nimmt ein Mann selbstverständlich für sich in Anspruch? Welche Menschen erkennst Du neben ihm noch als eigenständige Personen, welche geraten zu Begleitfiguren? Warum gilt demonstrative Maßlosigkeit bei berühmten Künstlern so häufig als Beleg besonderer Schöpferkraft?

Auf dem Buchumschlag ist eine rote, karikaturhafte Figur zu sehen, die einen in zerknitterte Plastikfolie eingewickelten Blumenstrauß hält. Der fettgedruckte gelbe Schriftzug „IMMENDORFF“ erstreckt sich über die Mitte, flankiert von einem deutschen Text auf der linken Seite und dem Namen des Museums in der Ecke.

Lesetipp

Den Katalog zur Ausstellung bekommst Du im Museumsshop oder auch bequem online bei amazon.*

Zur Biografie gehört auch, dass Immendorff seine spätere Frau, die Künstlerin Oda Jaune, als Studentin seiner Klasse kennenlernte. Das Machtgefälle zwischen Professor und Studentin möchte ich dabei nicht übergehen, auch nicht den enormen Altersunterschied. Genauso wenig möchte ich Jaune auf die junge Frau an der Seite eines berühmten Mannes reduzieren. Wenn Du ihre Geschichte nur aus dieser Perspektive betrachtest, gerät ihre eigene künstlerische Arbeit in den Hintergrund.

Ist die Ausstellung die Wiederentdeckung eines Künstlers, dessen Machoimage im heutigen Kunstbetrieb Schwierigkeiten bereiten würde? Darüber lässt sich ausgezeichnet diskutieren. Für mich folgt daraus jedoch nicht, dass Du Dich zwischen einer kritischen Haltung und der Beschäftigung mit seinen Bildern entscheiden müsstest. Du kannst seine Kunst interessant finden und seine Selbstinszenierung trotzdem hinterfragen. Gerade im Museum sollte dafür Platz sein.

Ein Wandbild zeigt einen Mann im Anzug, Jörg Immendorff, der eines seiner Kunstobjekte in der Hand hält, dass daneben in einer durchsichtigen Vitrine ausgestellt wird.  Eine im Präparationsstil gestalteten Biene mit blauen Flügeln, neben einer hohen, abstrakten, strukturierten grauen Skulptur im Hintergrund auf einem Sockel in der Galerie.
Biene: ohne Titel, undatiert, dahinter. Tropfenmann, undatiert (um 2000)

Vielleicht verbindest Du mit Immendorff auch die Schlagzeilen über Kokain und Sexarbeit. Der Prozess wegen Drogenbesitzes im Juli 2004 gehört zu seiner Geschichte und hat sein öffentliches Bild nachhaltig geprägt. Ich möchte daraus keine zweite Boulevardgeschichte machen. Unter der gemütlichen Überschrift „So waren die Künstler eben“ würde ich das Thema aber ebenso wenig ablegen. In der Ausstellung findest Du mit Der Beisitzer von 2004 eine Arbeit, in der er die persönlichen Folgen der öffentlichen Debatte verarbeitete.

In der Mitte einer Galerie steht eine hohe, strukturierte, dunkle Skulptur von Immendorff, die aus übereinander gestapelten, bauchigen Formen besteht. An den weißen Wänden dahinter hängen drei gerahmte Kunstwerke, darunter eine dunkle, strahlenförmige Komposition, ein kleiner, detailreicher Druck und ein abstraktes Gemälde.
Der Tropfenmann, undatiert (um 2000), im Hintergrund mittig: Beisitzer, 2004

Ein berühmter Name ist kein Freifahrtschein. Für mich ist er ein Anlass, genauer hinzusehen.

Ein Affe als eingebauter Widerspruch

Bei aller Selbstinszenierung hat Immendorff seiner Künstlerfigur einen ziemlich hartnäckigen Begleiter gegeben: den Affen. Seit 1985 taucht er als wiederkehrendes Motiv auf, als Alter Ego, Spiegelbild und Störenfried. Der Maleraffe gilt als sein schärfster Kritiker.

In Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund von 1985 sitzt er dem Künstler beim Arbeiten im Rücken und malt mit. Ein innerer Kritiker mit Fell. Praktisch, wenn rundherum möglicherweise schon genügend Menschen zustimmend nicken.

Ein Gemälde von Immendorff zeigt einen Affen, der vor einer großen Leinwand steht und mit einem Pinsel in jeder Hand malt. In der Szene sind verstreute Farbtuben und Pinsel zu sehen, außerdem hängt eine Säge an der Wand, und am unteren Bildrand ist ein handgeschriebener Text auf Deutsch zu lesen.
Jörg Immendorff, Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund, 1985, Sammlung Hans Grothe

Dieses Motiv finde ich besonders reizvoll. Du begegnest einem Künstler, der groß auftritt und zugleich eine Figur zulässt, die diese Größe infrage stellt. Im Affen kannst Du Zweifel an der eigenen Bedeutung entdecken, aber auch einen Kommentar zum Malen und zum Künstlersein. Es entstand kurz nach seinem Durchbruch und setzt sich mit seiner neuen Künstlerpersönlichkeit auseinander.

Irgendwie erinnert es mich aber auch an Robbie Williams, der selbst mittlerweile künstlerisch tätig ist und in seiner filmischen Biographie “Better Man” ebenfalls einen Affen als Alter Ego wählte.

Auf quadratischen Sockeln stehen mehrere bronzefarbene Immendorff-Skulpturen, die Affen darstellen. Diese strukturierten, grob behauenen Statuetten sind in verschiedenen Posen dargestellt; einige stützen sich auf Spazierstöcke, während im Hintergrund eine verschwommene, unscharfe Galerie zu sehen ist.
von links nach rechts: Malerstamm – Blinky (2005), Jörg (2002) und Baldung (2005) vor einem Foto aus dem Atelier Jörg Immendorff, Stephanienstraße, Düsseldorf, 2004, fotografiert von Egbert Trogemann

Von dieser Selbstironie würde ich allerdings nicht automatisch darauf schließen, dass Immendorff sein Verhalten im Alltag genauso kritisch überprüfte. In seinen Bildern kannst Du dem Widerspruch zwischen großem Ego und Selbstzweifeln trotzdem gut nachgehen. Zwischen Selbstüberhöhung und Selbstbefragung liegt bei ihm manchmal offenbar nur eine Armlänge Affe.

Die Welt als Bühne: Kneipen, Oper und innere Landschaften

Falls Du Dich bei seinen Gemälden gelegentlich an eine Theaterbühne erinnert fühlst, kommt das nicht von ungefähr. Immendorffs frühes Interesse am Bühnenbild blieb bestehen. Er entwarf Bühnenbilder und Kostüme, unter anderem für Richard Strauss’ Elektra in Bremen und Igor Strawinskys The Rake’s Progress bei den Salzburger Festspielen. Auch in seinen Gemälden brachte er persönliche und kunsthistorische Figuren in zunehmend bühnenhaften Räumen zusammen.

In den Cafés kannst Du verfolgen, wie seine Figuren Kontakte knüpfen, Rollen ausprobieren und Vorstellungen vom Künstlerleben durchspielen. In Landschaft, die ich brauche von 1988 wird der Kneipentisch zum persönlichen Lebensraum. Mit Wartebiene I von 1991/92 führt Dich Immendorff dagegen in eine unwirkliche Waldlandschaft. Hier kannst Du eine andere, suchende Seite an ihm entdecken.

Wenn Du Immendorff bisher vor allem als „politisch“, „wild“ und „laut“ abgespeichert hast, lohnt es sich, bei solchen Werken genauer hinzuschauen. Dabei fragte ich mich aber auch, wie er sich heute zur Tagespolitik äußern würde. Wie sähe er Algorithmen, Social Media und Konflikte weltweit? Wie würde er das künstlerisch verarbeiten?

Das Spätwerk: weiterarbeiten, wenn der Körper Grenzen setzt

Nach seiner Berufung an die Düsseldorfer Kunstakademie erhielt Immendorff die Diagnose ALS. Die fortschreitende Erkrankung beeinträchtigte zunehmend seine Bewegungsfreiheit. Als er seine linke Malhand nicht mehr wie zuvor einsetzen konnte, wechselte er zur rechten. Seine Bildsprache veränderte sich: Die dicht bevölkerten Kompositionen wichen zunächst reduzierteren, stärker gestischen Formen.

An einer Galeriewand hängen zwei Gemälde. Das große, querformatige Werk zeigt eine verzerrte, schwarze, formlose Gestalt vor einem blassen Hintergrund, aus deren Mittelteil ein kleines, leuchtend rotes, aufrecht stehendes Element emporragt.
links: Oda, 2000, rechts: Ohne Titel, 2001

Später konnte er seine Werke nicht mehr eigenhändig ausführen. Er arbeitete mit Vorlagen, Kopien und Schablonen und leitete Assistent:innen bei der Umsetzung an. Die künstlerischen Entscheidungen traf er weiterhin selbst.

Vor diesen Arbeiten kannst Du Dir eine Frage stellen, die weit über Immendorff hinausweist: Was macht ein Bild zum Werk eines bestimmten Künstlers? Entscheidet die Hand, die den Pinsel hält, oder die Person, die seine Entstehung bestimmt? Doch ist das so etwas Neues? Sind alle Rembrandts wirklich von ihm oder von seinen zahlreichen Schülern?

Die späten Bilder beschäftigen sich mit Vergänglichkeit und greifen Motive aus seinem eigenen Werk wieder auf. Im Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt erscheint der Künstler im Affenkostüm, von einem Adler gepackt. Eine drastische Bildidee für einen Menschen, dessen eigener Handlungsspielraum immer kleiner wurde.

Ein großes Mischtechnik-Gemälde von Immendorff zeigt eine Gestalt in einem schwarzen Umhang, die an einem Tisch mit einer leuchtenden Kerze sitzt, flankiert von einem weißen Flügel und einer strukturierten, rötlichen abstrakten Form vor einem dunklen, verzierten Hintergrund.
Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt, 2007

Am 28. Mai 2007 starb Jörg Immendorff in Düsseldorf. Ich finde es wichtig, dass Du in der Ausstellung auch diesen letzten Arbeiten begegnest. So reicht sein Bild über den erfolgreichen Provokateur und seine öffentlichkeitswirksamen Auftritte hinaus.

Warum sich die Auseinandersetzung mit Immendorff lohnt

Mich interessiert an dieser Retrospektive vor allem die Reibung zwischen den verschiedenen Rollen: der Künstler, der gesellschaftliche Verhältnisse verändern wollte und später selbst zum Establishment gehörte. Der Mann mit dem großen Auftritt, der sich einen Affen als kritischen Begleiter malte. Der Maler, dessen Werk schließlich ohne seine eigene malende Hand weiterentstand.

Du kannst diese Widersprüche in der Ausstellung selbst verfolgen: in den monumentalen Geschichtsbildern ebenso wie in Zeichnungen, Theaterarbeiten und im Spätwerk. Lass Dir dabei ruhig Zeit für Arbeiten, die Dich zunächst weniger unmittelbar ansprechen. Gerade bei einem Künstler mit einem so dominanten Image finde ich den zweiten Blick hilfreich.

Du musst den Macho dabei weder bewundern noch ausblenden. Schau seiner Selbstinszenierung ruhig auf die Finger und gib seinen Bildern genug Zeit. Den inneren Affen würde ich zur Sicherheit gleich mitnehmen.

Immendorff

Kunstpalast Düsseldorf
Ehrenhof 4–5
40479 Düsseldorf

Website zur Ausstellung

📅 Laufzeit: 25. September 2026 bis 10. Januar 2027
🕒 Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr
Montag geschlossen
An Feiertagen gelten teilweise abweichende Zeiten.
🎟 Eintritt: regulär 17 Euro, ermäßigt 13 Euro; unter 18 Jahren frei
🚇 Anreise: vom Düsseldorfer Hauptbahnhof mit der U-Bahn zur Haltestelle Kulturzentrum Ehrenhof/Tonhalle, anschließend etwa fünf Minuten zu Fuß.
👩‍🎨 Kuratorinnen: Felicity Korn und Westrey Page
🔗 Informationen und Tickets: Immendorff im Kunstpalast

Die aktuellen Öffnungszeiten und Feiertagsregelungen findest Du auf der Besuchsseite des Kunstpalasts.

Anschließend wird die Ausstellung im Kunstmuseum Karlsruhe vom 07.03.-30.05.2027 zu sehen sein.

Fotos: Alle Fotos findest Du zur Inspiration auf Flickr und unterliegen meinem Urheberrecht. Die Rechte an den Bildern liegen beim Nachlass/den Erben von Jörg Immendorff. Die Rechte an der Hängung/Gestaltung der Ausstellung liegt beim Kunstpalast Düsseldorf.

Offenlegung: Ich war als Teil der Presse zur Pressekonferenz am 23. September 2026 und dem anschließenden Rundgang durch die Ausstellung eingeladen. Meine Meinung blieb davon unbeeindruckt.


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Schwarzweißfoto einer Frau (Romy Mlinzk, Foto: Niels Rohrweber), die in die Kamera lächelt. Sie hat schulterlanges Haar und trägt einen gemusterten Schal und einen karierten Mantel. Im Hintergrund ist ein Teil des Eingangs eines Gebäudes mit einigen Glastüren zu sehen. Die Beleuchtung hebt ihren fröhlichen Gesichtsausdruck hervor.
Romy

Romy (*1981) hat ihre Heimatbasis in der Ruhrmetropole Dortmund und arbeitet als Bloggerin und Freelancerin im Bereich Social Media, Content Strategie und Community Management.

Sie bloggt seit 2006.
Übers Reisen regelmäßiger seit 2013. Wenn sie Zeit dazu findet.

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