Rothenburg ob der Tauber steht für Fachwerk, Stadtmauer und vermeintlich unberührtes Mittelalter. Doch zwischen all den bekannten Fotomotiven dieser mittelalterlichen Idylle liegt eine zweite Geschichte, die man leicht übersieht: Seit dem 12. Jahrhundert lebten Jüdinnen und Juden in der Stadt. Rothenburg war zeitweise ein bedeutendes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit – und zugleich wiederholt Schauplatz von Verfolgung, Vertreibung und Mord.
Mit diesem Beitrag beginne ich auf dem Blog einen neuen Schwerpunkt zum jüdischen Leben in Deutschland und Europa. Dabei möchte ich nicht nur Gedenkorte vorstellen, sondern jüdische Geschichte in ihrer ganzen Breite erzählen: als Geschichte von Religion und Alltag, Wissen und Handel, Nachbarschaft, Selbstbehauptung und kulturellem Austausch.
- Jüdisches Leben in Rothenburg ob der Tauber seit dem Mittelalter
- Rabbi-Meir-Garten und Judentanzhaus – 1. Jüdisches Viertel
- Kapellenplatz: Synagoge und Talmudschule unter dem Pflaster
- Rabbi Meïr ben Baruch: Von Rothenburg bis zu den SchUM-Städten
- Schrannenplatz: Vom jüdischen Friedhof zum Parkplatz
- Die Judengasse: Kein Ghetto, sondern gemeinsames Viertel – 2. Jüdisches Viertel
- Die Mikwe in der Judengasse 10
- Der Burggarten und das Rintfleischpogrom von 1298
- Herrngasse 21: Betsaal, Schule & Gemeindezentrum
- Landjudentum und Viehhandel: Ein Netz des Vertrauens
- Warum fiel die NS-Ideologie in Rothenburg auf fruchtbaren Boden?
- Jüdisches Leben im RothenburgMuseum
- Praktische Tipps für Deine jüdische Spurensuche in Rothenburg
- Rothenburg jenseits der Postkartenmotive entdecken
- FAQ: Jüdisches Leben in Rothenburg ob der Tauber
Ende Mai 2026 begab ich mich gemeinsam mit Gästeführer Lothar Schmidt auf die Suche nach diesen Spuren. Lothar zeigte mir sein Rothenburg: nicht nur die Schauseite der Stadt, sondern Orte, an denen sich Geschichte in Mauersteinen, Straßennamen und unscheinbaren Tafeln erhalten hat. Wir sprachen über Rabbi Meïr ben Baruch, die mittelalterlichen jüdischen Gemeinden, die Viehhändler der Region und die Vertreibung der letzten jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 1938.
Am nächsten Tag vertiefte ich das Erlebte bei der Führung „Reinheit ob der Tauber“ im RothenburgMuseum. Sie führt von der Judaika-Sammlung des Museums bis zur mehr als 600 Jahre alten Mikwe in der Judengasse 10. Beide Rundgänge ergänzten sich für mich ideal: Der erste öffnete den Blick für die Stadt, der zweite brachte mich ganz nah an ihre Originalzeugnisse heran.
Jüdisches Leben in Rothenburg ob der Tauber seit dem Mittelalter
Jüdisches Leben lässt sich in Rothenburg seit etwa 1180 nachweisen. Die verkehrsgünstige Lage zwischen Würzburg und Augsburg sowie die Bedeutung der jungen Stadt als Handelsplatz dürften die Ansiedlung begünstigt haben. Im 13. Jahrhundert wuchs die Gemeinde stark. Zeitweise machten Jüdinnen und Juden rund zehn Prozent der Stadtbevölkerung aus – etwa 480-500 Menschen.
Diese Geschichte verlief jedoch nicht geradlinig. Blütezeiten wechselten sich mit Entrechtung, wirtschaftlicher Ausbeutung, Pogromen und Vertreibungen ab:
- Etwa von 1245 bis 1286 wirkte Rabbi Meïr ben Baruch in Rothenburg und leitete eine bedeutende Jeschiwa, eine jüdische Hochschule.
- Beim Rintfleischpogrom 1298 wurde die erste jüdische Gemeinde nahezu ausgelöscht (umgebracht)
- Nur wenige Jahre später entstand erneut eine Gemeinde, die während der Pestverfolgungen 1349 vernichtet wurde.
- Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich eine weitere Gemeinde rund um die heutige Judengasse.
- 1520 vertrieb der Rat die letzten jüdischen Einwohner aus der Stadt.
- Erst ab 1870 durften sich wieder jüdische Familien dauerhaft in Rothenburg niederlassen.
- Am 22. Oktober 1938 wurden die letzten 17 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner gewaltsam aus der Stadt getrieben.
Heute gibt es in Rothenburg keine jüdische Gemeinde mehr. Umso wichtiger sind die erhaltenen Orte – und die Menschen, die deren Geschichten erzählen.
Rabbi-Meir-Garten und Judentanzhaus – 1. Jüdisches Viertel
Unser Rundgang begann am Weißen Turm, einem erhaltenen Tor des inneren Stadtmauerrings. Direkt daneben liegen das sogenannte Judentanzhaus und der Rabbi-Meir-Garten. Der Name Judentanzhaus klingt zunächst nach einem reinen Festsaal. Tatsächlich diente ein mittelalterlicher Vorgängerbau der jüdischen Gemeinde wohl als Versammlungsort, Herberge und Haus mit öffentlicher Mikwe. Das heute sichtbare Gebäude ist ein Wiederaufbau aus der Zeit um 1950.

Der kleine Garten erinnert auf den ersten Blick an einen Friedhof. Das ist er jedoch nicht. Der eigentliche mittelalterliche jüdische Friedhof lag auf dem heutigen Schrannenplatz. In der Gartenmauer sind dennoch Grabsteine zu sehen; es handelt sich bei den heute sichtbaren Steinen um Repliken. Die Originale aus dem 13. und 14. Jahrhundert werden im RothenburgMuseum aufbewahrt.

Dass überhaupt so viele Grabsteine erhalten geblieben sind, grenzt an ein historisches Puzzle. Immer wieder tauchten bei Bauarbeiten vollständige Steine oder Bruchstücke auf. Nach der Auflösung des Friedhofs wurden sie als Baumaterial missbraucht: als Abdeckplatten in Mauern, als Stufen oder mit der Schriftseite nach unten in Gebäuden. Ein Grabstein wurde sogar gezielt in einer Wendeltreppe des gotischen Rathausteils gefunden.

Im Rabbi-Meir-Garten erinnert außerdem ein Mahnmal an die Menschen, die zwischen 1933 und 1938 aus Rothenburg vertrieben wurden. Auf der Tafel liegen kleine Steine. Dieses jüdische Zeichen des Gedenkens ist dauerhaft und still: Blumen verwelken, ein Stein bleibt.
Kapellenplatz: Synagoge und Talmudschule unter dem Pflaster
Vom Weißen Turm gingen wir zum Kapellenplatz. Heute wirkt er wie ein unauffälliger Platz mitten in der Altstadt. Im 13. Jahrhundert befand sich hier jedoch das Zentrum des ersten jüdischen Viertels mit Synagoge, Mikwe, Versammlungshaus und der Talmudschule von Rabbi Meïr ben Baruch.

Die erste Synagoge war später auf historischen Darstellungen als kleine gotische Kapelle zu sehen. 1404 wurde das Gebäude profaniert, verkauft und zur Marienkapelle umgeweiht; 1804 riss man die Kapelle ab. Ihr Name lebt im Kapellenplatz weiter.
Lange kannte man die Lage der Synagoge vor allem aus Schriftquellen und alten Ansichten. Bei archäologischen Untersuchungen im Zuge der Neugestaltung des Platzes wurden 2025 ihre Fundamente freigelegt.

KT Kohler & Tomo Archäologie – Foto via: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Bauweise, Ausrichtung und Eingang stimmen nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege so genau mit den historischen Darstellungen überein, dass kaum Zweifel an der Zuordnung bestehen. Spätere Untersuchungen mit Bodenradar machten weitere Teile des Grundrisses sichtbar. Unter einem alltäglich wirkenden Platz liegt damit das bauliche Zeugnis eines der wichtigsten jüdischen Zentren Süddeutschlands.

RothenburgMuseum,
Bild via: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Grafik: Roland Linck (BLfD), Drohnenfoto: Stadt Rothenburg. – Foto via: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege
Ein Davidstern vor dem Gasthof?
Vor dem Gasthof Butz am Kapellenplatz entdeckten wir ein Hexagramm. An diesem Ort könnte man ihn schnell für einen Davidstern und damit für eine weitere jüdische Spur halten. Doch das Zeichen hat einen anderen Ursprung: Es ist ein Brauer- oder Zoiglstern. Er kennzeichnete traditionell ein Haus, in dem Bier gebraut oder ausgeschenkt wurde.






Gerade dieser kleine Irrtum passt zu einem Rundgang wie diesem. Nicht jedes Symbol erzählt die Geschichte, die wir auf den ersten Blick darin sehen. Umgekehrt bleiben viele tatsächliche jüdische Spuren beinahe unsichtbar, wenn niemand auf sie hinweist.
Rabbi Meïr ben Baruch: Von Rothenburg bis zu den SchUM-Städten
Rabbi Meïr ben Baruch, auch MaHaRaM von Rothenburg genannt, gehört zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. MaHaRaM ist ein hebräisches Akronym für „unser Lehrer, Rabbi Meïr“.
Er wurde um 1220 in Worms geboren, studierte unter anderem in Würzburg, Mainz und an bedeutenden Talmudschulen in Frankreich. In Paris erlebte er die Verbrennung zahlreicher Talmudhandschriften. Dieses Ereignis verarbeitete er in einem Klagelied, das bis heute am jüdischen Trauertag Tischa beAw (9. Tag des jüdischen Monats Aw, meist Juli/August) rezitiert wird.
Um 1245 ließ sich Meïr in Rothenburg nieder. Seine Jeschiwa zog Schüler aus unterschiedlichen Regionen Europas an. Als Rechtsgelehrter beantwortete er Fragen aus dem Alltag jüdischer Gemeinden – zu Handel und Familienrecht ebenso wie zu religiösen Vorschriften. Über 1.000 seiner Responsen, also schriftlichen Rechtsgutachten, sind erhalten. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde kaum ein anderer aschkenasischer Gelehrter häufiger zitiert.
Seine Biografie zeigt, wie eng jüdische Wissensräume im Mittelalter miteinander verbunden waren. Worms, Mainz und Speyer bildeten mit den SchUM-Gemeinden ein besonders einflussreiches Zentrum des aschkenasischen Judentums. Rothenburg gehörte nicht zum SchUM-Bund, war durch Meïrs Herkunft, Ausbildung, Schüler und Rechtsgutachten aber Teil dieses weitreichenden geistigen Netzwerks. Auch Prag entwickelte sich zu einem bedeutenden jüdischen Zentrum. Eine gedachte Linie zwischen Speyer, Rothenburg und Prag ist deshalb ein schönes Bild für die Wege von Menschen und Wissen – aber kein Beleg für einen formalen Städtebund.
Als sich die Politik König Rudolfs I. von Habsburg gegen Jüdinnen und Juden verschärfte, wollte Meïr das Reich wie viele andere auch Richtung Palästina verlassen. 1286 wurde er auf der Flucht erkannt, ausgeliefert und inhaftiert. Die Gemeinden waren bereit, ein enormes Lösegeld aufzubringen. Meïr lehnte seine Freilassung jedoch ab, weil er keinen Präzedenzfall schaffen wollte, der Herrschende zur Gefangennahme weiterer jüdischer Gelehrter ermutigt hätte. Er starb 1293 in Haft. Erst 1307 konnte der Kaufmann Alexander ben Salomon Wimpfen seinen Leichnam auslösen und auf dem jüdischen Friedhof Heiliger Sand in Worms bestatten lassen. Beide liegen dort nebeneinander.

Schrannenplatz: Vom jüdischen Friedhof zum Parkplatz
Vom Kapellenplatz liefen wir zum Schrannenplatz. Bis ins 16. Jahrhundert befand sich hier der jüdische Friedhof. Nach der Erweiterung Rothenburgs (14. Jh.) lag er zwischen dem älteren und dem neuen Stadtmauerring, in unmittelbarer Nähe zur späteren Judengasse. Damit lag er ungewöhnlicherweise für kurze Zeit innerhalb der Stadtgrenzen. Um 1404 entstand am Rand des Friedhofs die zweite mittelalterliche Synagoge.

Nach der Vertreibung von 1520 eignete sich die Stadt das Gelände an. Grabsteine wurden entfernt und als Baumaterial verwendet. Später gab es hier unter anderem einen Schweine- und Getreidemarkt. Seit Ende der 1950er-Jahre trägt der frühere „Judenkirchhof“ offiziell den Namen Schrannenplatz. Heute dient ein großer Teil – ähnlich dem Kapellenplatz – als zubetonierter Parkplatz.

Für mich gehört dieser Ort zu den verstörendsten Stationen des Rundgangs. Nach jüdischem Verständnis ist ein Grab auf Ewigkeit angelegt. Selbst wenn oberirdisch keine Steine mehr stehen, verliert der Platz seine Bedeutung als Ruhestätte nicht. Autos dort abgestellt zu sehen, lässt sich deshalb nur schwer mit dem Wissen um seine Geschichte zusammenbringen.
1914 stießen Bauarbeiter am Schrannenplatz auf Dutzende mittelalterliche Grabsteine und Fragmente. Die ältesten erhaltenen Steine befinden sich heute im RothenburgMuseum. Einer von ihnen stammt aus dem Jahr 1297.
Die Judengasse: Kein Ghetto, sondern gemeinsames Viertel – 2. Jüdisches Viertel
Die Judengasse entstand ab etwa 1371 nördlich des ersten Mauerrings. Für die Bebauung wurde der alte Stadtgraben teilweise aufgeschüttet. Deshalb steht eine Straßenseite auf älterem, die andere auf später vorbereitetem Baugrund.

Wichtig ist: Die Judengasse war kein abgeschlossenes Ghetto. Jüdische und christliche Familien lebten hier in unmittelbarer Nachbarschaft. Viele Häuser haben das Bombardement von 1945 überstanden. Zwölf der erhaltenen Fachwerkhäuser wurden noch vor 1500 errichtet, weshalb die Gasse als eines der bedeutendsten erhaltenen spätmittelalterlichen jüdischen Stadtquartiere Europas gilt.

Besonders auffällig ist der Komplex Judengasse 15/17/19 gegenüber der Mikwe. Die Häuser besitzen einen gemeinsamen Dachstuhl und wurden dendrochronologisch auf die Zeit um 1399 datiert. Sie gehören damit zu den ältesten Bauten der Gasse. Die traufständigen, dicht aneinandergereihten Häuser prägen bis heute das geschützte Ensemble.

Die Mikwe in der Judengasse 10
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt die Judengasse 10. Das Haus wurde 1409 errichtet und birgt in seinem Keller eine außergewöhnlich gut erhaltene Mikwe. Als die damalige Museumsleiterin Dr. Hilde Merz das Ritualbad um 1980 entdeckte, war seine Bedeutung selbst den langjährigen Bewohnern des Hauses nicht bewusst. Auch Lothars Onkel hatte das Gebäude besessen – und Lothar war dort ein- und ausgegangen, ohne zu wissen, welche historische Stätte sich im Keller verbarg.

Was ist eine Mikwe?
Eine Mikwe ist ein jüdisches Ritualbad. Sie dient nicht der Körperreinigung, sondern der rituellen Reinheit; die normale Reinigung erfolgt zuvor. Für das vollständige Untertauchen wird „lebendiges Wasser“ benötigt, etwa Grund-, Quell- oder gesammeltes Regenwasser. Traditionell nutzen Frauen die Mikwe unter anderem nach Menstruation und Geburt. Sie spielt außerdem bei Übertritten zum Judentum eine Rolle; auch Männer und bestimmte Gegenstände können in einer Mikwe untergetaucht werden.

In Rothenburg führt eine schmale Treppe direkt hinter dem Hauseingang hinunter in den Gewölbekeller. Dadurch ist die Mikwe erreichbar, ohne die privaten Bereiche des Hauses zu durchqueren. Das macht den Besuch besonders: Es handelt sich nicht um einen Museumsnachbau, sondern um das Originalritualbad im dazugehörigen spätmittelalterlichen Wohnhaus.



Der Verein Alt-Rothenburg erwarb die Häuser in der Judengasse 10 und 12, um sie vor weiterem Verfall zu bewahren. Die Initiative Kulturerbe Bayern wählte die Judengasse 10 als ihr erstes großes Projekt. Mit Unterstützung unter anderem der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde das Gebäude vier Jahre lang instand gesetzt. Seit Sommer 2024 ist es im Rahmen von Führungen und Veranstaltungen öffentlich zugänglich.
Der Burggarten und das Rintfleischpogrom von 1298
Durch das Burgtor gingen Lothar und ich weiter in den Burggarten. Der friedliche Blick über das Taubertal steht in scharfem Kontrast zu dem, was hier im Sommer 1298 geschah.


Eine Pogromwelle zog damals von Röttingen durch Franken und weitere Teile Süddeutschlands. Als Vorwand diente die erfundene Anschuldigung, wonach Jüdinnen und Juden eine geweihte Hostie geschändet hätten. In Rothenburg suchte die Gemeinde Schutz im Bereich der ehemaligen Stauferburg. Vergeblich: Das Nürnberger Memorbuch nennt 470 ermordete Menschen aus Rothenburg, darunter 178 Kinder. Damit wurde ein erheblicher Teil der damaligen Stadtbevölkerung ausgelöscht.

Seit 1998 erinnert vor der Blasiuskapelle ein von Peter Nedwal gestaltetes Mahnmal an das Verbrechen. Es greift den Text des mittelalterlichen Pogromsteins auf und zeigt die deutsche Übersetzung des hebräischen Klagelieds. Der originale Stein wird im RothenburgMuseum aufbewahrt.


Auch in der Blasiuskapelle selbst lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Auf einer Tafel mit den Gefallenen des Ersten Weltkriegs stehen die Namen Hans Löwenthal und Moritz Gottlob. Zwei jüdische Rothenburger starben als deutsche Soldaten – nur wenige Jahre bevor ihre Familien erneut ausgegrenzt und verfolgt wurden.
Herrngasse 21: Betsaal, Schule & Gemeindezentrum
Die letzte Station unseres Rundgangs lag gegenüber der Franziskanerkirche. An der Ecke zum Heringsbronnengäßchen befindet sich heute das Hotel Klosterstüble. Eine kleine Tafel und die 2013 verlegten Stolpersteine vor dem Haus weisen auf seine frühere Nutzung hin.


Erst 1870 konnten sich wieder jüdische Familien dauerhaft in Rothenburg niederlassen, nachdem 1861 allen Juden in Bayern die Erlaubnis erteilt worden war, den Wohnort frei zu wählen. 1875 gründeten sie eine neue Kultusgemeinde. Da die mittelalterlichen Synagogen nicht mehr existierten, richtete die Gemeinde 1888 in der Herrngasse 21 (damals Herrnmarkt Nr. 40) einen Betsaal ein. Das Gebäude beherbergte außerdem den Religionsunterricht und die Wohnung des Religionslehrers; ein eigener Bereich war – wie üblich – für die Frauen vorgesehen. Aus einem Waschhaus entstand eine Mikwe.

Hier endete die Geschichte der dritten Rothenburger jüdischen Gemeinde abrupt. Am 22. Oktober 1938 wurde das Inventar des Betsaals geplündert und zerstört. Die letzten 17 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner wurden noch vor den reichsweiten Novemberpogromen aus Rothenburg vertrieben. Bis heute hat sich in der Stadt keine neue jüdische Gemeinde gegründet. Wie es dazu kam?
Landjudentum und Viehhandel: Ein Netz des Vertrauens
Nach der Vertreibung von 1520 wichen viele jüdische Familien in kleinere Orte und Herrschaften der Umgebung aus. Dort lebten sie häufig als sogenannte Schutzjuden: Ein Landesherr erlaubte ihnen gegen Abgaben und unter engen Auflagen die Niederlassung. Aus diesen Strukturen entwickelte sich das fränkische Landjudentum.
Viele jüdische Familien waren im engeren Sinne keine Landwirte. Weil ihnen der Erwerb von Grund und Boden lange verwehrt blieb, arbeiteten sie häufig als Händler – insbesondere im Viehhandel. Dabei verbanden sie die Höfe der christlichen Bauern mit regionalen und überregionalen Märkten. Solche Geschäfte beruhten nicht nur auf Verträgen, sondern auch stark auf persönlichem Vertrauen, langfristigen Beziehungen und genauer Kenntnis von Tieren, Höfen und Absatzmöglichkeiten.

In Rothenburg lebten 1926 insgesamt 24 jüdische Familien; 14 von ihnen verdienten ihren Lebensunterhalt im Viehhandel. In Mittelfranken waren 1925 etwa 37 Prozent der Viehhändler jüdisch – eine starke Präsenz, aber keine Mehrheit. Eine zeitgenössische Schätzung, wonach jüdische Händler reichsweit rund 60 Prozent aller Viehhandelsgeschäfte abwickelten, ist in der Forschung umstritten.
Lothar erzählte mir, dass Rothenburger und fränkische Viehhändler ihre Geschäfte bis ins Ruhrgebiet ausdehnten. Das passt zur Funktion dieser Händler als Vermittler zwischen der ländlichen Erzeugung und weit entfernten städtischen Absatzmärkten. Gerade diese über Jahre gewachsenen Beziehungen wurden von den Nationalsozialisten systematisch zerstört: Jüdischen Händlern entzog man Konzessionen, christliche Bauern wurden eingeschüchtert, wenn sie weiterhin mit ihnen Geschäfte machten, und im Juni 1938 wurde Jüdinnen und Juden der Viehhandel reichsweit verboten.
Warum fiel die NS-Ideologie in Rothenburg auf fruchtbaren Boden?
Rothenburg war nicht nur eine mittelalterlich wirkende Kleinstadt, sondern früh eine Hochburg der völkischen Rechten. In der Weimarer Republik war zunächst die antidemokratische und nationalkonservative DNVP besonders stark. Später erzielte die NSDAP hier außergewöhnlich hohe Ergebnisse. Im Bezirksamt Rothenburg kam sie 1932 auf rund 75,7 Prozent; bei der bereits von Gewalt und Repression überschatteten Reichstagswahl vom 5. März 1933 erreichte sie in der Stadt etwa 83 Prozent.
Eine einfache Erklärung wäre zu kurz gegriffen. Mehrere Faktoren verstärkten sich gegenseitig:
- Rothenburg und sein Umland waren stark protestantisch und ländlich-kleinstädtisch geprägt. In solchen Regionen fehlten häufig die stabilen Bindungen zu katholischen Milieuparteien, die der NSDAP andernorts länger Widerstand entgegensetzten. Das bedeutet nicht, dass der evangelische Glaube automatisch zum Nationalsozialismus führte!
- Die Agrar- und Weltwirtschaftskrise verunsicherte Bauern, Selbstständige und den kleinbürgerlichen Mittelstand. Die NSDAP sprach diese Gruppen mit gezielter Landpropaganda an.
- Antisemitische und völkisch-nationalistische Einstellungen waren bereits vor 1933 weit verbreitet. Die Nationalsozialisten mussten sie nicht erst erfinden, sondern konnten sie radikalisieren.
- Der fränkische NSDAP-Gauleiter Julius Streicher verbreitete mit seiner Hetzschrift „Der Stürmer“ aggressiven Antisemitismus. In der Region fanden zahlreiche NS-Großveranstaltungen statt.
- Die Nationalsozialisten stilisierten Rothenburg zur vermeintlich „urdeutschen“ mittelalterlichen Musterstadt. In dieses rassistische Bild passte jüdisches Leben nicht – obwohl es die Stadt seit ihren Anfängen mitgeprägt hatte.
Eine Person, die Rothenburg mit der NS-Elite verband, war Ludwig Siebert. Er amtierte von 1908 bis 1919 als Bürgermeister der Stadt, wurde 1931 in Lindau der erste NSDAP-Oberbürgermeister Bayerns und war von 1933 bis zu seinem Tod 1942 bayerischer Ministerpräsident. Die konkrete Vertreibung der letzten Rothenburger Jüdinnen und Juden 1938 ordnete jedoch nicht Siebert an, sondern NSDAP-Kreisleiter Karl Steinacker im vorauseilendem Gehorsam. Bürgermeister war damals Friedrich Schmidt. SA-Männer und Hitlerjungen trieben die Menschen zum Bahnhof; anschließend wurde die angebliche „Befreiung von den Juden“ gefeiert. Im Dezember 1938 erklärte man Rothenburg offiziell für „judenfrei“. Mehr dazu beim Verein Alt-Rothenburg e.V. in einem Beitrag von Oliver Gußmann.
Jüdisches Leben im RothenburgMuseum
Am nächsten Tag begann meine zweite Führung im RothenburgMuseum. Das Stadtmuseum befindet sich im ehemaligen Dominikanerinnenkloster, das 1258 gegründet wurde. Ein Detail verbindet den Bau mit der größeren europäischen Geistesgeschichte: Albertus Magnus weihte Kirche und Klausur 1265. Derselbe bedeutende Dominikanergelehrte hatte 1248 in Paris die erneute Verurteilung und somit Verbrennung des Talmuds mitunterzeichnet. In Rothenburg lagen christliche und jüdische Gelehrsamkeit damit räumlich nah beieinander – ohne deshalb gleichberechtigt gewesen zu sein.





Die Judaika-Abteilung des Museums ist nicht groß, aber inhaltlich dicht. Sie zeigt mittelalterliche Grabsteine und Fragmente, das Siegel der jüdischen Gemeinde aus der Zeit um 1410 und den originalen Pogromstein von 1298. Viele Alltagsgegenstände der mittelalterlichen Gemeinde sind nicht erhalten. Die Grabsteine übernehmen deshalb eine besondere Rolle: Ihre hebräischen Inschriften nennen Namen, Familienbeziehungen und Herkunftsorte. Sie machen aus einer abstrakten „Gemeinde“ wieder einzelne Menschen.






Der Pogromstein besitzt eine besonders verschlungene Objektgeschichte. Er erinnerte ursprünglich an die Ermordeten von 1298, galt später als verschwunden und wurde 1980 im Museum wiederentdeckt – als Sockel unter einem Reichsadler aus der NS-Zeit. Ein jüdischer Gedenkstein war damit ausgerechnet zum Träger eines nationalsozialistischen Symbols gemacht worden.
Nach der Judaika-Abteilung gingen wir gemeinsam in die Judengasse und hinunter zur Mikwe. Erst dort wurde für mich ganz greifbar, dass jüdische Geschichte in Rothenburg nicht nur aus Verfolgung besteht. Die Mikwe erzählt auch von Religion, Alltag, Gemeinschaft und einem Haus, in dem Menschen vor mehr als 600 Jahren lebten.

Zur gleichen Zeit fand im Haus der Mikwe auch eine Fotoausstellung zu einer meiner anderen Leidenschaften, dem Neuen Bauen, statt. Jean Molitor, der zuletzt auch auf Zeche Zollverein seine Fotos ausstellte, zeigt noch bis zum 29. November 2026 in der Judengasse 10 in Rothenburg (außerdem bis zum 26. November 2026 in der Münchener Residenz) einige Werke jüdischer Architekt:innen der Moderne.

Praktische Tipps für Deine jüdische Spurensuche in Rothenburg
Führung „Reinheit ob der Tauber“
Die öffentliche Führung verbindet die Judaika-Sammlung im RothenburgMuseum mit der Mikwe in der Judengasse 10.
- Termin: samstags um 14:30 Uhr
- Dauer: etwa 60 Minuten
- Treffpunkt: Foyer des RothenburgMuseums, Klosterhof 5
- Preis: 15 Euro pro Person, Museumseintritt am Veranstaltungstag inklusive
- Tickets: über Reservix, in der Tourist Information oder – sofern verfügbar – an der Museumskasse
- Stand: August 2026; aktuelle Angaben bitte vor dem Besuch beim RothenburgMuseum prüfen
Mein Tipp: Plane vor oder nach der Führung zusätzliche Zeit für die übrigen Museumsräume ein. Die Führung konzentriert sich auf die Judaika und die Mikwe, das RothenburgMuseum selbst ist deutlich größer.
Individueller Rundgang durch das jüdische Rothenburg
An mehreren Stationen in der Stadt stehen Informationstafeln mit QR-Codes zur Verfügung. Ergänzend kannst Du darüber die kostenlose WebApp zu den jüdischen Spuren aufrufen.

Für den Weg vom Weißen Turm über Kapellenplatz, Schrannenplatz, Judengasse und Burggarten bis zur Herrngasse würde ich mindestens anderthalb bis zwei Stunden einplanen – mehr, wenn Du fotografierst und die Texte in Ruhe lesen möchtest.
Eine mögliche Route für Deinen Rundgang als Karte mit Start/Ende am Weißen Turm:
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Mehr InformationenThematische Gruppenführungen lassen sich über den Rothenburg Tourismus Service beziehungsweise das RothenburgMuseum anfragen. Ein bestimmter Gästeführer kann dabei nicht automatisch garantiert werden. Die Stadt hat aber ein sehenswertes Video zum jüdischen Rothenburg mit Lothar Schmidt produziert.
Rothenburg jenseits der Postkartenmotive entdecken
Der Rundgang mit Lothar war erhellend, bewegend und trotz des schweren Themas voller lebendiger Gespräche. Lothar erzählt Geschichte nicht als Folge trockener Jahreszahlen. Er verbindet Häuser mit Menschen, große politische Entwicklungen mit kleinen Beobachtungen – und besitzt genau den Humor, den es manchmal braucht, um mehrere Stunden aufmerksam zuzuhören. Wir hatten viel Spaß zusammen – dafür ganz großes Dankeschön!
Die Führung im RothenburgMuseum ergänzte diesen persönlichen Zugang durch Originale und neue Forschung. Besonders die Mikwe hat mir gezeigt, wie nah die Vergangenheit sein kann: hinter einer Haustür, nur wenige Schritte unter dem heutigen Straßenniveau.
Wer Rothenburg nur als hübsche Mittelalterkulisse betrachtet, sieht deshalb nur einen Teil der Stadt. Jüdisches Leben war kein Randthema, sondern gehörte seit Rothenburgs Anfängen zu seiner Entwicklung. Die erhaltenen Spuren erzählen von Gelehrsamkeit und Alltag, von Nachbarschaft und Handel – aber auch davon, wie schnell Zugehörigkeit in Ausgrenzung und Gewalt umschlagen kann.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Grund, diesen Orten Zeit zu geben: Sie erinnern nicht nur daran, was verloren ging. Sie machen sichtbar, was über Jahrhunderte selbstverständlich zu Deutschland und Europa gehörte.
Hast Du auf Reisen schon einmal gezielt nach jüdischen Spuren gesucht? Welche Stadt oder welcher Erinnerungsort ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben? Schreib mir gerne einen Kommentar.
FAQ: Jüdisches Leben in Rothenburg ob der Tauber
Seit wann lebten Jüdinnen und Juden in Rothenburg ob der Tauber?
Jüdisches Leben ist in Rothenburg seit etwa 1180 nachweisbar. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt mit Rabbi Meir ben Baruch und seiner Jeschiwa zu einem bedeutenden Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.
Wo kann man jüdische Spuren in Rothenburg sehen?
Zu den wichtigsten Orten gehören der Rabbi-Meir-Garten am Weißen Turm, der Kapellenplatz, der Schrannenplatz, die Judengasse mit der Mikwe in Haus Nummer 10, der Pogrom-Gedenkstein im Burggarten, der frühere Betsaal in der Herrngasse 21 und die Judaika-Abteilung des RothenburgMuseums.
Kann man die Mikwe in der Judengasse 10 besichtigen?
Ja. Die Mikwe ist im Rahmen der samstäglichen Führung „Reinheit ob der Tauber“ sowie bei ausgewählten Veranstaltungen und gebuchten Gruppenführungen zugänglich. Ein freier Besuch ohne Führung ist nicht vorgesehen.
War Rothenburg eine der SchUM-Städte?
Nein. Zu den SchUM-Städten gehören Speyer, Worms und Mainz. Rothenburg war jedoch über Rabbi Meir ben Baruch und die mittelalterlichen Netzwerke jüdischer Gelehrsamkeit eng mit diesem Kulturraum verbunden.
Gibt es heute eine jüdische Gemeinde in Rothenburg?
Nein. Nachdem die Nationalsozialisten die letzten 17 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner im Oktober 1938 vertrieben hatten, entstand in Rothenburg keine neue jüdische Gemeinde.
Fotos: Wenn nicht anders angegeben, unterliegen die gezeigten Fotos meinem Urheberrecht. Diese und zahlreiche weitere Fotos findest Du zur Inspiration auf Flickr.
Offenlegung: Ich war dank Rothenburg Tourismus Service vom 28. bis 31. Mai 2026 auf einer individuellen Pressereise in Rothenburg ob der Tauber. Meine Meinung blieb davon unbeeindruckt.






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