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Wallgraben mit Breiten Turm

Idyllische mittelalterliche Kleinstadt in Nordsachsen – Delitzsch

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Aufgewachsen bin ich in einer mittelalterlichen Kleinstadt ungefähr 25 km nördlich von Leipzig (und ca. 30 km östlich von Halle/Saale). Ein schönes Fleckchen Erde. Die Leipziger Tieflandsbucht umschmeichelt die Ortschaften mit fruchtbarer Erde und das Wetter meint es Dank Harzer Regenschattens oft gut, aber die Winter können sehr kalt sein.

Delitzsch, so der Name des kleinen Idylls, bietet viel Schönheit – doch trotzdem ist es eine kleine Stadt, die oft stillzustehen scheint und somit nicht attraktiv für junge Menschen ist. Demografie ist halt ein Ar***. Auch mich zog es 1999 weg und daher weiß ich es jetzt mehr zu schätzen, ab und zu in diese kleine, alte Stadt für 2-3 Tage abzutauchen. Wohnen könnte ich dort aber nicht mehr. Dennoch möchte ich euch Delitzsch als Ausflugsziel vor den Toren Leipzigs näher bringen.

Stadtgeschichte und wichtige Bauwerke in Delitzsch

Delitzsch fand erstmals 1166 Erwähnung in den Unterlagen von König Friedrich I., die Besiedlungswurzeln reichen aber bis 5100 v. Chr. zurück. Um 1200 erhielt Delitzsch Stadtrechte. In dieser Zeit wuchs der Ort verhältnismäßig schnell. Aus der alten Slawenburg, auf die sich Delitzsch gründete, wurde eine steinerne Burg. Heute steht an dessen Stelle das Barockschloss, eines der ältesten Schlösser Sachsens. Außerdem wurde zu Beginn des 15. Jahrhundert mit dem Bau der massiven Stadtkirche St. Peter und Paul begonnen, die knapp 100 Jahre später (1491) fertiggestellt werden konnte. Diese Kirche prägt auch heute noch den Mittelpunkt der sie umgebende Altstadt, die durch eine fast durchgängige Stadtmauer mit Wallgraben sowie zwei Wachtürmen (Breiter Turm, Hallescher Turm) von der restlichen Stadt abgegrenzt ist.

Dieser mittelalterliche Kern ist auch heute noch das touristische Pfand, mit dem Delitzsch wuchern kann. Historisch kannst Du hier gut nachvollziehen, wie mittelalterliche Siedlungen aufgebaut waren. In unmittelbarer Nähe der Stadtkirche St. Peter und Paul befindet sich der Marktplatz, auf dem auch heute noch Handel getrieben wird. Ebenso finden sich auf dem Markt das alte sowie das aktuelle Rathaus. Überall in der Altstadt befinden sich darüber hinaus historische Gebäude, z.B. denkmalgeschützte Bürgerhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert im Stile des Barock, der Renaissance und der Gotik. Neben den Bürgerhäusern gibt es auch noch andere, historisch interessante und erwähnenswerte Häuser im Altstadtkern, z.B. das Ritterhaus, die Alte Lateinschule sowie das Stadtschreiberhaus.

Außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern

Außerhalb der Stadtmauern schließt sich auf der Ostseite, in unmittelbarer Nähe des Halleschen Turms, die Hospitalkirche St. Georg an. Da Kranke/Siechende im Mittelalter nicht innerhalb der Stadt verweilen durften, wurden sie außerhalb der Stadtmauern versorgt. Auf der Westseite befindet sich in der Nähe des Breiten Turms der Rossplatz mit historischer Postsäule, die auf Anweisung von August dem Starken aufgestellt wurde. Sie wurde 1730 als Distanzsäule gesetzt und ist heute die höchste aller erhaltener Distanzsäulen Sachsens. Der Rossplatz diente als Rastplatz für Durchreisende von Leipzig nach Wittenberg. Für die Versorgung sorgt seit über fünf Jahrhunderten das “Weiße Ross”, heute Gaststätte und Hotel.

Des weiteren gibt es das denkmalgeschützte Scharfrichterhaus in der August-Fritzsche-Straße. Henker und Scharfrichter sind seit 1619 in Delitzsch nachgewiesen. Aber nicht deswegen ist das Haus von solcher Wichtigkeit. Es ist die einzige noch erhaltene bauliche Anlage einer Scharfrichterei im gesamten mitteldeutschen Raum.

Naherholung

Was ich besonders an Delitzsch mag, das sind die vielen Grünflächen und Möglichkeiten der städtischen Naherholung. Allein ein Spaziergang direkt am Wallgraben entlang (zum Großteil nur für Fußgänger und Fahrradfahrer freigegeben), der Blick auf die anliegenden Zwingergärten, eventuell sogar eine Bootsfahrt auf dem Wallgraben oder die Entenfamilie von einer Parkbank aus beobachten – Entspannung pur. Wem das nicht reicht, der läuft durch den Rosengarten oder den 15 Hektar großen Stadtpark. Der Stadtpark mit dem zentralen Treffpunkt Brunnen der Genesung (eigentlich eine Statue inmitten des Brunnens, genannt Genesung) ist über die Jahre zu einem Landschaftspark mit bis zu 120-130 Jahre alten Bäumen geworden.

Ein besonderer Platz zur Naherholung ist der Barockgarten am Schloss. Er wurde ursprünglich 1692/93 nahe dem Witwensitz derer zu Sachsen-Merseburg angelegt und gilt somit als einer der frühesten Barockgärten Deutschlands. Zu DDR-Zeiten standen auf dem Gelände zwei Baracken – in der einen war mein Kindergarten untergebracht, in der anderen arbeitete eine zeitlang meine Mutti für den Rat des Kreises (Landratsamt). Von 1996 bis 2000 wurde der Barockgarten aufgrund der Originalpläne rekonstruiert und ist jetzt vor allem als Fotomotiv, z.B. bei Hochzeiten im nahegelegenen Schloss, bei Jung und Alt beliebt. Im Schloss gibt es übrigens jedes Jahr einen Termin für eine “Besondere Hochzeit” im historischen Stil, liebe Verlobte! ;)

Barockgarten und Barockschloss Delitzsch, Foto: SimSullen auf Flickr, CC BY-SA 2.0-Lizenz
Barockgarten und Barockschloss Delitzsch
(Foto: SimSullen auf Flickr, CC BY-SA 2.0-Lizenz)

Immer auch einen Ausflug wert: der kleine Tiergarten im Rosental. Als Kind war ich oft dort, vor allem zu Ostern, wenn jeder im Tierpark nach Eiern und Süßigkeiten suchen konnte. Weiß gar nicht, ob das heute noch gemacht wird. Ich erinnere mich nur zu gerne daran zurück.

Naherholung außerhalb von Delitzsch

Außerhalb von Delitzsch befinden sich einige renaturierte Braunkohletagebaulöcher. Allen voran die Goitzsche in Richtung Bitterfeld ist ein beliebter Ausflugsort. An der Marina des Bernsteinsee lässt sich ab und zu – wie der Name vermuten lässt – auch etwas Bernstein finden.

Kultureller Höhepunkt – das Peter & Paul Fest

Ganz in der Tradition der Schutzpatrone der Stadtkirche  findet jährlich das Peter & Paul Fest statt. Es findet immer am Wochenende des oder am Wochenende nach dem Peter & Paul-Tag (29. Juni) statt. Vom 28. bis 30. Juni 2019 kannst Du dabei Tradition und Historie in Delitzsch in einem einmaligen Stadtfest erleben.

Es wird einen historischen Peter & Paul-Markt geben sowie historische Darstellungen, u.a. die Sage der Türmerstochter, die mit ihren Signalen die Stadt vor den herannahenden Schweden während des 30-Jährigen Krieges warnte und so die Stadt vor Plünderung und Brandschatzung beschützte.

Eröffnet wird das Stadtfest übrigens traditionell am Freitag, 12 Uhr, wenn an der Stadtkirche der Apfelbiss erfolgt. Dabei beißt bei diesem mechanischem Schauspiel Adam in dem von Eva gereichten Apfel. Das Highlight bildet aber sicherlich der historisch Festumzug in traditionellen Kostümen, der mittlerweile bis zu 1.300 Mann stark sein kann. Aber auch musikalisch gibt es einige “Highlights” für die Besucher. Witzig finde ich die Idee der Wallgrabenregatta. Da wäre ich doch gerne Zaungast.

Ur-Krostitzer

Dazu wird meist das lokale Bier gereicht: Ur-Krostitzer. Seit 1534 wird es  ca. 15 km außerhalb von Delitzsch im kleine Örtchen Krostitz gebraut. Die Flaschen sind mit dem in der gegen Wallenstein geführten Schlacht vor Lützen (in der Nähe von Leipzig, in Sachsen-Anhalt gelegen) verstorbenen schwedischen König Gustav II. Adolf verziert. Solltest Du mal probiert haben, wenn Du feinherbes Pilsener mag.

Weiteres Triviales

Gegenüber meiner alten Schule steht immer noch die Schokoladenfabrik. Zu meiner Zeit gab es dort immer einen Werksverkauf. Auch heute noch kannst Du Delitzscher Schokoladen Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, am Samstag 9 bis 14 Uhr im Fabrikverkauf erwerben.

Hermann-Schulze-Delitzsch-Denkmal auf dem Marienplatz
Hermann-Schulze-Delitzsch-Denkmal auf dem Marienplatz

Dem größten Delitzscher, Hermann Schulze-Delitzsch, hat die Stadt ein Denkmal am Marienplatz sowie ein Museum in der Kreuzgasse 10 gewidmet. Schulze-Delitzsch gilt neben Friedrich-Wilhelm Raiffeisen als der Gründer des Handwerkergenossenschaftswesens sowie der Genossenschaftsbank. Die Genossenschaftsidee wurde 2014 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO erklärt.

Delitzsch ist energieautark und trägt den Titel “Energiesparstadt” (Auszeichnung European Energy Award in Gold), 2010 ausgezeichnet als energieeffiziente Stadt durch die damalige Bundesforschungsministerin Annette Schavan.

Besonders interessant soll auch der kleine jüdische Friedhof sein. Leider habe ich als Jugendliche das nicht zu schätzen gewusst und auch bisher habe ich nie die Zeit gefunden, mir den Friedhof mit Gedenkstein anzusehen.

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Manchmal nenne ich es heimlich “Heimat”. 

Details

Bundesland

Sachsen

Landkreis

Nordsachsenkreis (Autokennzeichen TDO für Torgau-Delitzsch-Oschatz bzw. DZ für Delitzsch)

Einwohnerzahl

ca. 25.000, verteilt auf Stadt Delitzsch und 15 zumeist eingemeindete Stadtteile

Wappen

Gold mit zwei blauen Pfählen sowie einem schrägen Herzschild mit goldenen, doppelschwänzigen Löwen. Es ist die Vereinigung zweier Wappen – der Wettiner (Landsberger Pfähle) und der Markgrafenschaft Meißen (Löwe)

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