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1. Tag der Trinkhallen, 20.08.2016

1. Tag der Trinkhallen (20.08.16) – Mythos Bude

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Seit über 150 Jahren sind sie fester Bestandteil des Ruhrgebiets: Trinkhallen, Buden, Kioske. Sie sind der Treffpunkt, den schon die Kumpel nach der Schicht ansteuerten, um ihr verdientes Feierabendbier zu kaufen. Hier holen sich die Kinder eine „bunte Tüte“ von ihrem Taschengeld und hier bekommst Du auch noch kurz vor Mitternacht ein paar Snacks und Drinks, falls Deine Party mal wieder etwas ausufert. Es ist also an der Zeit, die Trinkhallen gebührend zu feiern!

Am 20. August 2016 wird daher der „1. Tag der Trinkhallen“ mit viel kulturellem Programm gefeiert. Dazu konnten sich Trinkhallen aus dem ganzen Ruhrgebiet bewerben. 50 Buden wurden aus den Bewerbern ausgewählt und bieten zwischen 16 und 22 Uhr ein Kulturprogramm der besonderen Art: Poetry Slam, Kleinkunst, Literatur, Kabarett sowie Musik von Elektro bis Jazz und vieles mehr. Doch auch über 120 weitere Buden wollen kleine Überraschungen für ihre Besucher bereithalten. Es lohnt sich also, von Bude zu Bude zu ziehen. Es wird kein Tag wie jeder andere und der Eintritt ist frei!

Doch nicht nur an diesem einen Tag wird der Trinkhalle ein Denkmal gesetzt. Der 1. Kiosk Club 06 aus Dortmund gab den Ausschlag, als er 2016 zum „Jahr der Trinkhalle“ ausrief. Daher finden auch über den 20. August hinaus viele Aktionen und Veranstaltungen zum Thema Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet statt. Ein paar Dinge habe ich vorab für Dich ausprobiert:

Kioskwallfahrt durch Bochum

Der Bochumer Schauspieler Giampiero Piria bietet seit 2009 Kioskwallfahrten in Bochum an. Er macht mit seinen Spaziergängen die Trinkhalle erlebbar und verleiht damit der Ruhrgebietstradition eine ungeahnte Würde. Getroffen habe ich ihn in der Trinkhalle und Bierbar in der Bochumer Innenstadt. Diese Trinkhalle ist für sich schon sehenswert. Hier gibt es rund 70-100 verschiedene Biere aus aller Welt, die konzernunabhängig gebraut werden. Neben Bergmann-Bier aus Dortmund finden sich hier natürlich das lokale Bier von Moritz Fiege und das Stauder Ruhrtyp, aber auch einige Craftbierhighlights aus Belgien und Großbritannien.

Trinkhalle und Bierbar in Bochum
Trinkhalle und Bierbar in Bochum

Weiter ging es in die Nähe des Bergbaumuseums, vorbei an der Speckschweiz, hin zum Kiosk am Bunker. Eine unglaubliche Vielfalt innerhalb weniger hundert Meter. Leider kommen wir auch an schon längst geschlossenen Kiosken vorbei. Durch die erweiterten Ladenöffnungszeiten der Supermärkte und Discounter haben es die kleinen Geschäfte immer schwerer. Viele Geschäfte haben daher in den letzten Jahren aufgeben müssen. Auch ein Punkt, auf den der Schauspieler auf unserer Tour aufmerksam machen möchte.

Speckschweiz
Speckschweiz
verlassene Bude in Bochum
verlassene Bude in Bochum

Bei der Tour stehen aber nicht nur die Trinkhallen im Fokus. Natürlich kommt die Vielfalt der Menschen, die eine Bude betreiben, der Alltag der Käufer und auch Stadthistorie bei der rund 2,5-stündigen Führung zur Sprache. Auf meiner kleinen Tour zogen wird durch Bochum-Hamme und Ehrenfeld, die Gegend rund um das Schauspielhaus. Dort befindet sich übrigens auch die mit vier Quadratmetern kleinste Bude Bochums, das „Büdchen am Eck“ – kleine Sehenswürdigkeiten an jeder Ecke!

Büdchen am Eck
Büdchen am Eck

Natürlich kamen wir auch um das Thema Fußball nicht herum. Manche Buden, wie hier an der Ecke Weiherstraße/Joachimstraße muten wie ein kleiner Schrein für den VfL Bochum an. Auch das ist Ruhrgebiet pur.

Bude mit VfL Bochum-Schaufenster
Bude mit VfL Bochum-Schaufenster

Wie eh und je ist jede Bude in Bochum auf ihre Art eigen und wird von Besitzern quer durch die Bevölkerung betrieben. War es aber früher vielleicht die Bergmannswitwe, die sich damit ihren Unterhalt sicherte, sind es heute oft Menschen mit Migrationshintergrund aus aller Welt. Sie machen die Jobs, die heute kaum noch einer machen möchte (und wo man vielleicht auch in der eigenen Muttersprache mit den Kunden kommunizieren kann). Wer will schon bis Mitternacht an der Bude stehen? Aber noch immer ist eine Bude aber ein Treffpunkt von allen Schichten – von Hartz IV über angesehene Künstler bis zum Herrn Professor. Wenn etwas fehlt und ein Supermarkt weit und breit nicht zu finden ist, eine Bude findet sich immer!

Kiosk in Ehrenfeld
Kiosk in Ehrenfeld

Budentour – Old- und Youngtimer Kultfahrt

Mit einem 1974er Mercedes /8 (Strich 8) ging es dann bei Regen von Bochum nach Dortmund und ich erhalte einen Einblick in die vom 23. bis 25. September 2016 stattfindende Budentour. Diese Old- und Youngtimer-Rallye mit Fahrzeugen mit Baujahr 1950 bis 1990 will die Faszination für diese schönen Fahrzeuge mit der besonderen Atmosphäre des Ruhrgebiets und damit verbunden natürlich jede Menge gute Unterhaltung verbinden. Auch hier werden 50 ausgewählte Trinkhallen und Buden angefahren und als Ankerpunkte für die Strecke durch das Ruhrgebiet genutzt. Erwartet werden rund 250 Fahrzeuge und 100 Mopeds.

Mercedes /8 (1974) und Audi 200 (1980) - zwei Teilnehmer der Budentour/Rallye
Mercedes /8 (1974) und Audi 200 (1980) – zwei Teilnehmer der Budentour/Rallye

Wir stoppen an zwei Buden, um einen kleinen Eindruck zu gewinnen. Der erste Stopp ist in Dortmund-Marten, um ein freistehendes Büdchen kennenzulernen. Diese Trinkhalle wirkt im ersten Moment riesig im Vergleich zu anderen Buden. Doch der erste Eindruck täuscht, da sich der Kiosk das Gebäude mit dem lokalen Stromversorger teilt (Trafohäuschen). Was mich extrem beeindruckte: der EC-Geldautomat direkt vor der Bude – falls das Taschengeld einmal nicht mehr für eine bunte Tüte reichen sollte.

Trinkhalle in Marten
Trinkhalle in Marten

Auch im Kreuzviertel in Dortmund sind Büdchen beliebt. Hier treffen wir auf Jean-Philip Keim (29), der seit einem Jahr den Kiosk „Zwischenstopp“ in der Kreuzstraße betreibt. Die „letzte Bude vor dem Stadion“, wie sich der Kiosk selbstsicher nennt, existiert an dieser Stelle schon lange. Jean-Philip nutzte die Chance, als die vorherige Pächterin aus Altersgründen aufhörte und verwirklichte seinen Traum der eigenen Bude.

Jean-Philip Keim im "Zwischenstopp", Kreuzstraße
Jean-Philip Keim im „Zwischenstopp“, Kreuzstraße

Zu vor arbeitete er als Koch, doch diesen stressigen und wenig gut bezahlten Job hängte er gerne an den Nagel. Natürlich wird er auch mit der Bude nicht reich, aber er scheint sehr glücklich mit seiner Entscheidung. Die Lage dürfte dabei auch nicht die schlechteste sein, um ein gutes Einkommen für sich und die zwei Aushilfen zu erzielen. In unmittelbarer Nähe liegen verschiedene Schulen und am Spieltag pilgern gut und gerne 100-200 Fans am Kiosk vorbei, um sich ein Wegbier zu genehmigen. Da klingelt die Kasse auch gerne etwas lauter.

„Zum Wohl!“ – Ausstellung in Hattingen

Alles rund um die typischen Getränke Wasser, Schnaps, Limonade, Milch, Tee und Kaffee einer Bude erfahre ich im LWL-Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen. Stilecht dazu steht im Museum eine Bude – das Highlight der Ausstellung.

Nicht nur irgendeine Bude, sondern der Kiosk von Emmy Olschewski aus der Schweriner Straße 10 in Castrop-Rauxel, die das Museum 1998 erwarb. Emmy verbrachte ihr Leben lang in der Schweriner Straße. Hier wurde sie geboren und hier erhielt ihre Mutter Anna, der sie auch Gemüse auf dem Markt zu verkaufen half, 1921 die Erlaubnis, neben dem Wohnhaus eine Gemüseverkaufsbude zu errichten. Wenig später durfte auch Sprudel/Selters in der Bude verkauft werden – der Anfang eines legendären Kiosks, Treffpunkt eines ganzen Viertels.

Kiosk von Emmy Olschewski
Kiosk von Emmy Olschewski

Warum war aber Selters so wichtig? Auf dem Höhepunkt des Zechenzeitalters gab es kaum sauberes Trinkwasser, so dass ab Mitte des 19. Jahrhunderts Selters in Trinkhallen verkauft wurde – zum Wohle der Arbeiter und ihrer Familie. Denn natürlich wollte man damit auch unterbinden, dass die Arbeiter ihren „Brand“ mit Bier oder anderen alkoholischen Getränken löschten, was vielen in den höheren Schichten der Gesellschaft ein Dorn im Auge war. Diesem „Sittenverfall“ sollte mit dem Bau von Trinkhallen Einhalt geboten werden.

Trinkhalle-32

Emmy und ihrer Mutter erweiterten im Laufe der Jahre ihr Sortiment und machten ihren kleinen Kiosk zu einem erfolgreichen Unternehmen. Die günstige Lage zu einer Bergbausiedlung vor der Zeche Graf Schwerin tat dabei ihr Übriges. Auch nach der Heirat und Geburt ihrer Tochter unterstützte Emmy weiterhin ihre Mutter in der Bude und übernahm den Kiosk 1942 nach deren Tod. Durch den frühen Tod des Vaters und auch Stiefvaters war Emmy sich durchaus bewusst, wie wichtig es war, auf eigenen finanziellen Füßen zu stehen – aber die Bude war auch ihr Lebenselixier. Durch ihr in den Kriegsjahren durch klugen Tauschhandel aufgebautes Netzwerk meisterte sie alle Krisen, wie zum Beispiel die Schließung der Zeche 1961. Für eine zeitlang verpachtete sie aber den Kiosk schweren Herzens an ihre Großnichte und ging einer anderen unternehmerischen Idee nach.

ehemalige Henrichshütte in Hattingen, heute LWL-Industriemuseum
ehemalige Henrichshütte in Hattingen, heute LWL-Industriemuseum

Doch nach dem Tod ihres Mannes Erich (1967) übernahm sie ihren Kiosk wieder und blieb ihm bis ins hohe Alter treu. Noch mit 91 Jahren stand sie hinter der Theke. Doch dann forderte das Alter seinen Tribut, ein Nachbar übernahm zeitweise den Kiosk und 1998 starb Emmy mit 94 Jahren in Castrop-Rauxel. Seit dem steht ihr Kiosk im LWL-Museum in Hattingen und ist Bestandteil der noch bis zum April 2017 stattfindenden Ausstellung „Zum Wohl! – Getränke zwischen Kultur und Konsum“.

In der Bochumer Zeche Hannover findet vom 14. August bis 2. Oktober 2016 die Ausstellung „Die Trinkhalle in Geschichte und Gegenwart“ statt, die ich mir leider noch nicht ansehen konnte.

Lesetipp

horizontalrule

Was gehört unbedingt in Deine „Bunte Tüte“ und was kannst Du gar nicht leiden? 

horizontalrule

Diese und weitere Fotos finden sich auf Flickr.

Zur #BudenKulTour im Ruhrgebiet sowie auf eine „Bunte Tüte“ wurde ich von Ruhr Tourismus eingeladen. Meine Meinung blieb davon unbeeindruckt. 

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