Niki de Saint Phalle? Klar, die Nanas! Bunte, rundliche Frauenfiguren voller Lebensfreude. So ungefähr sah mein Wissen über die französisch-amerikanische Künstlerin (1930-2002) aus, bevor ich Ende September 2026 ihre Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf besuchte. Danach war ziemlich klar: Ich kannte einen berühmten Ausschnitt. Ein sehr kleiner Ausschnitt aus einem erstaunlich vielseitigen Werk.
Die Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“ hat mich überrascht, begeistert und mein Bild von der Künstlerin grundlegend erweitert. Vor allem ihre Schießbilder waren für mich eine Entdeckung. Dass ausgerechnet der Griff zur Waffe am Anfang ihres künstlerischen Durchbruchs stand, hatte ich mit den fröhlichen Nanas bisher überhaupt nicht in Verbindung gebracht.
Eigentlich wollte ich schon zur Pressekonferenz zum Start der Ausstellung Mitte September 2026 kommen. Die Deutsche Bahn hatte allerdings andere Vorstellungen von meiner Tagesgestaltung. Nachgeholt habe ich den Besuch im Anschluss an die Pressekonferenz zur Immendorff-Retrospektive. Ein Nebeneinander, das ich ausgesprochen spannend finde: die feministische Künstlerin und der Macho der deutschen Kunstwelt. Zwei Ausstellungen unter einem Dach, die reichlich Stoff zum Nachdenken bieten.
- Erst Immendorff, dann Niki de Saint Phalle: ein spannender Perspektivwechsel
- „Dream Machine“: Was Dich in der Ausstellung erwartet
- Lesetipp
- Meine Entdeckung: die Schießbilder von Niki de Saint Phalle
- Die Nanas neu sehen: Lebensfreude mit Anspruch auf Platz
- Verschlingende Mütter: Wenn das Kaffeekränzchen ungemütlich wird
- Begehbare Frauenkörper, Theater und ein Garten voller Fantasie
- Wie viel in dieser bunten Welt steckt
- Niki de Saint Phalle im Kunstpalast: Informationen für Deinen Besuch
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Erst Immendorff, dann Niki de Saint Phalle: ein spannender Perspektivwechsel
Nach Immendorff und seiner Retrospektive im Kunstpalast zu Niki de Saint Phalle zu wechseln, verlieh dem Museumsbesuch eine zusätzliche Ebene. Gerade mit dem Machoaspekt im Hinterkopf veränderte sich mein Blick auf eine Künstlerin, die sich ihren Platz in einer von Männern dominierten Kunstwelt erkämpfte. Dennoch räume ich gerade dem Mann auch hier Platz ein, obwohl es doch um die Künstlerin gehen soll. Patriarchale Strukturen zu überwinden ist nicht immer leicht.
Denn bei Saint Phalle ging es immer wieder darum, wer über Frauenkörper bestimmt, welche Rollen Frauen zugeschrieben werden und wie sie sich daraus befreien können. Ihre Figuren nehmen Raum ein. Ihre Aktionen überschritten Grenzen. Ihre Kunst entwarf Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben.
Natürlich wäre es zu einfach, Immendorff auf den Macho und Saint Phalle auf dessen feministische Gegenposition zu reduzieren. Beide beschäftigten sich mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, beide arbeiteten auch mit anderen zusammen. Für mich entsteht die Spannung gerade aus den unterschiedlichen Perspektiven. Wenn Du beide Ausstellungen besuchst, kannst Du diese Fragen mitnehmen: Wer spricht hier? Aus welcher Position heraus? Welche Welt soll sich verändern – und für wen?
„Dream Machine“: Was Dich in der Ausstellung erwartet
Die von Heike van den Valentyn kuratierte Schau versammelt mehr als 100 Werke in zwölf thematischen Räumen. Sie führt Dich durch über vier Jahrzehnte von Saint Phalles Schaffen: von Assemblagen und Schießbildern über Skulpturen und Grafiken bis hin zu Theater, Film und Modellen begehbarer Architekturen.

Auch Arbeiten von Zeitgenoss:innen wie Eva Aeppli, Dorothy Iannone, Yayoi Kusama und Jean Tinguely, den Niki de Saint Phalle 1971 heiratete, gehören zum Rundgang. Dadurch lässt sich Saint Phalles Werk im Austausch mit anderen künstlerischen Positionen betrachten. Die Vorstellung von der einsamen Künstlerin, die ausschließlich aus sich selbst heraus schafft, passt ohnehin schlecht zu ihrer Arbeitsweise. Zusammenarbeit zieht sich durch viele ihrer Projekte.

Foto: Christer Strömholm
Der Titel Dream Machine gewinnt dabei nach und nach an Bedeutung. Saint Phalle entwickelte Fantasiewelten, in denen sehr konkrete Wünsche Gestalt annahmen: nach Freiheit, Geborgenheit, Gemeinschaft und einem anderen Verhältnis der Geschlechter. Vieles ist wunderschön. Manches verstörend. Beides gehört zusammen.

Lesetipp
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Meine Entdeckung: die Schießbilder von Niki de Saint Phalle
Am meisten überrascht haben mich die Tirs, ihre Schießbilder aus den frühen 1960er-Jahren. Schon das Herstellungsverfahren ist ungewöhnlich: Saint Phalle verband unterschiedliche Gegenstände und Farbbeutel mit Gips zu Reliefs. Auf diese Arbeiten wurde geschossen. Traf ein Schuss einen Farbbeutel, platzte er auf und die Farbe lief über die Oberfläche.

Der Schuss setzte damit einen Gestaltungsprozess in Gang, dessen Verlauf sich nur bedingt steuern ließ. Die Farbe hinterließ Spuren, das Relief wurde beschädigt und zugleich entstand etwas Neues. Zerstörung als Teil des Schaffens. Das ist weit entfernt vom Bild der Nana-Künstlerin, das vor meinem Besuch im Kopf herum schwirrte.
Hinzu kommt: Die Schießaktionen waren gemeinschaftliche Ereignisse. Saint Phalle lud befreundete Künstler:innen und das Publikum ein, sich zu beteiligen. Das fertige Werk bewahrt also auch die Spuren einer Handlung. Wenn Du die Schießbilder anschaust, lohnt es sich, diesen Entstehungsprozess mitzudenken. Wo sonst ein Pinsel Farbe aufträgt, öffnet hier ein Einschuss die Oberfläche und setzt die Farbe frei.

Für mich sind diese Arbeiten der spannendste Zugang zu einer Seite Saint Phalles, die ich überhaupt nicht kannte. Plötzlich steht hinter den vertrauten bunten Figuren eine Künstlerin, deren Ausdruck auch aggressiv, konfrontativ und unbequem sein konnte. Eine Frau ganz nach meinem persönlichen Geschmack.
Hinter den Schüssen stehen Wut und Verletzungen
Die Schießbilder haben einen ernsten biografischen Hintergrund. Niki de Saint Phalle wurde als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht. Ein Fakt, der mir beim Lesen die Kehle zuschnürte. Auch ihre strenge Erziehung und Erfahrungen von Fremdbestimmung flossen in ihre Kunst ein. In den Schießaktionen brachte sie Wut über ihre Familie, männliche Kontrolle und gesellschaftliche Verhältnisse zum Ausdruck.
Damit erhalten die Einschüsse und die herablaufende Farbe eine weitere Bedeutung. Die Oberfläche wirkt wie ein verletzter Körper. Einige Arbeiten mit goldenen Rahmen greifen zugleich die Tradition repräsentativer Kunst und die mit ihr verbundenen bürgerlichen Werte auf.
Ihre Kunst lässt sich dabei kaum auf die Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte reduzieren. Saint Phalle entwickelte daraus eine eigene künstlerische Sprache und stellte Fragen, die weit über ihre Biografie hinausreichen: nach Macht, Gewalt und dem Recht, über das eigene Leben und den eigenen Körper zu bestimmen.
Als einzige Frau gehörte sie zur Pariser Gruppe der Nouveaux Réalistes, in deren Kunst Alltagsgegenstände und gefundene Materialien eine wichtige Rolle spielten.
Die Nanas neu sehen: Lebensfreude mit Anspruch auf Platz
Mit diesem Hintergrund sahen auch die Nanas für mich anders aus. Mitte der 1960er-Jahre wurden die farbenfrohen Frauenfiguren zu einem zentralen Bestandteil von Saint Phalles Werk. Sie tanzen, spielen, sind schwanger, beanspruchen Platz und widersprechen den gängigen Vorstellungen davon, wie ein weiblicher Körper auszusehen und sich zu verhalten hat.
„Nana“ ist ein umgangssprachlicher französischer Ausdruck für Frau oder Mädchen, der auch abwertend verwendet werden kann. Saint Phalle verlieh ihm mit ihren Figuren eine selbstbewusste Bedeutung, die bis heute nachwirkt und mit ihrem Namen verknüpft ist. Ihre Nanas verkörpern Stärke, Lust und Freiheit. Anpassungsbereitschaft gehört eher nicht zu ihren hervorstechenden Eigenschaften.

Wenn Du sie bisher vor allem als fröhliche Kunst im öffentlichen Raum wahrgenommen hast, lohnt sich ein zweiter Blick. Ihre Größe, ihre üppigen Körper und ihre Bewegungen lassen sich als Anspruch auf Sichtbarkeit lesen. Diese Frauen machen sich nicht klein. Dass die 1974 in Hannover am Leibnizufer aufgestellten Nanas öffentliche Kontroversen auslösten, zeigt, wie viel Reibung in den heute so vertrauten Figuren steckte.
Düsseldorf hat übrigens eine eigene Verbindung zu ihnen: Bereits 1968 fand im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Saint Phalles erste Einzelausstellung in Deutschland statt. Dort schwebten auch aufblasbare Nana-Figuren durch den Raum. Fast 300 wurden während der sechswöchigen Ausstellung verkauft. Kunst darf bei ihr auch leicht sein und mit nach Hause kommen. Im Museumsshop kannst Du auch heute Deine eigenen Nana mit nach Hause nehmen.

Foto: Brigitte Hellgoth
Verschlingende Mütter: Wenn das Kaffeekränzchen ungemütlich wird
Wie wenig sich Saint Phalle auf ein einziges Frauenbild festlegen lässt, zeigen die Devouring Mothers, die „Verschlingenden Mütter“. Parallel zu den Nanas entwickelte sie Figuren, in denen Fürsorge, Kontrolle und bürgerliche Enge unangenehm nah beieinanderliegen.
Beim Kaffeekränzchen liegen ein Krokodil und eine Spielzeugpuppe auf den Tellern. Ein Paar führt beim Sonntagsspaziergang eine riesige Spinne an der Leine.


Hinter den absurden Szenen steht auch Saint Phalles schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter. Interessant finde ich, dass sie später ebenfalls eigene Anteile in diesen erdrückenden Figuren erkannte. Sie war selbst Mutter zweier Kinder. Die Kritik an starren Rollenbildern umfasst hier also auch die eigene Rolle. Das macht diesen Teil ihres Werkes widersprüchlich und menschlich, denn sind wir nicht alle ein wenig wie unsere eigenen Eltern?
Begehbare Frauenkörper, Theater und ein Garten voller Fantasie
Saint Phalles Ideen sprengten zunehmend den Rahmen einzelner Skulpturen. Frauenkörper konnten bei ihr zu Häusern und zu ganzen Erlebnisräumen werden. Ein berühmtes Beispiel ist HON – en katedral, eine rund 25 Meter lange, begehbare schwangere Nana, die sie 1966 gemeinsam mit Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt für das Moderna Museet in Stockholm schuf. Der Eingang führte durch die Vagina.


Auch Theater und Film gehörten zu ihren Ausdrucksmitteln. Sie entwarf Bühnenbilder, schrieb Drehbücher und spielte selbst mit. Die Ausstellung erschließt damit weitere Bereiche ihres Schaffens, die mein bisheriges Bild von ihr deutlich erweitern.
Besonders eindrucksvoll ist die Idee hinter ihrem Tarotgarten in der Toskana (Giardino dei Tarocchi), dem ein eigener Ausstellungsraum gewidmet ist. Die 22 monumentalen Figuren orientieren sich an den Hauptkarten des Tarots. Über rund zwei Jahrzehnte entstand mit Jean Tinguely, Assistent:innen und Menschen vor Ort eine Welt aus Skulptur, Architektur, Spiegeln und farbigen Mosaiken. 1998 wurde der Garten offiziell eröffnet.

Zur Finanzierung entwickelte Saint Phalle unter anderem ein eigenes Parfüm und verkaufte dessen Editionen. Diese Verbindung von künstlerischer Fantasie und praktischem Unternehmergeist finde ich bemerkenswert. Große Träume brauchen schließlich auch ein Budget.
Wie viel in dieser bunten Welt steckt
Bis in ihre späteren Arbeiten hinein beschäftigte sich Saint Phalle mit gesellschaftlichen Fragen: Aids und Ausgrenzung, dem Recht auf Abtreibung, staatlicher Gewalt und dem Klimawandel. Freude und Schönheit stehen in ihrem Werk neben Verlust, Verletzlichkeit und Protest. Genau auch Themen, die mich beschäftigen und die auch weiterhin viele Menschen von jung bis alt beschäftigen.
Dream Machine hat mir eine Künstlerin nähergebracht, von der ich vorher vor allem ein Markenzeichen kannte, wie die schwebende Nana L’ange protecteuer in der Haupthalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Eine meiner ersten Begegnungen mit Niki de Saint Phalle und ihren Figuren.

Die Nanas bleiben großartig. Durch die Schießbilder, die widersprüchlichen Mutterfiguren und ihre fantasievollen Raumideen verstehe ich nun aber sehr viel besser, welche Kraft hinter ihnen steckt. Wenn es Dir bisher ähnlich ging wie mir, lohnt sich der Besuch besonders: Du kannst mit einem vertrauten Bild hineingehen und mit einer ganzen Reihe neuer Entdeckungen herauskommen.
Niki de Saint Phalle im Kunstpalast: Informationen für Deinen Besuch
Niki de Saint Phalle. Dream Machine
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf
🔗 Website zur Ausstellung
📅 Laufzeit: 10. September 2026 bis 07. Februar 2027
🕒 Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr
Donnerstag bis 21 Uhr
Montag geschlossen
An Feiertagen gelten teilweise abweichende Zeiten.
🎟 Eintritt: regulär 17 Euro, ermäßigt 13 Euro; unter 18 Jahren frei
🎧 Audioguide: 3 Euro, etwa 40 Minuten, gesprochen von Anna Schudt
🚇 Anreise: vom Düsseldorfer Hauptbahnhof mit der U-Bahn zur Haltestelle Kulturzentrum Ehrenhof/Tonhalle, anschließend etwa fünf Minuten zu Fuß.
👩🎨 Kuratorin: Heike van den Valentyn
🔗 Informationen und Tickets: Niki de Saint Phalle im Kunstpalast
Die aktuellen Öffnungszeiten und Feiertagsregelungen findest Du auf der Besuchsseite des Kunstpalasts.
Wenn Du beide Ausstellungen verbinden möchtest, ist das bis zum 10. Januar 2027 möglich. Plane dafür genügend Zeit und eine Pause ein: Schon Saint Phalles Werk eröffnet reichlich neue Gedankenwege. Aktuelle Besuchsinformationen und das Begleitprogramm findest Du auf der Ausstellungsseite des Kunstpalastes.
Fotos: Alle Fotos findest Du zur Inspiration auf Flickr; sie unterliegen meinem Urheberrecht. Die Rechte an den Bildern liegen beim Nachlass bzw. den Erben von Niki de Saint Phalle und den anderen gezeigten Künstler:innen. Die Rechte an der Hängung und Gestaltung der Ausstellung liegen beim Kunstpalast Düsseldorf.
Offenlegung: Ich war als Teil der Presse zur Pressekonferenz zu Immendorff am 23. September 2026 und zum anschließenden Rundgang durch die Ausstellung eingeladen. Dadurch konnte ich auch Niki de Saint Phalle ansehen. Meine Meinung blieb davon unbeeindruckt.





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