Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ist eine der Wirkungsstätten der Neuen Philharmonie Westfalen. Unter Generalmusikdirektor Rasmus Baumann spielten die Philharmoniker am 15.01.2018 das 5. Sinfoniekonzert. Thema: Romeo und Julia.

Rasmus Baumann Foto: Pedro Malinowski
Rasmus Baumann
Foto: Pedro Malinowski

Die Geschichte von Romeo und seiner Julia

Romeo und Julia, das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur – auch auf der Opernbühne und im Konzertsaal ist es in verschiedenen Musikepochen und -stilen unsterblich. Die Neue Philharmonie Westfalen verdeutlicht dies zuerst mit Tschaikowsky, dann mit Prokofjew und nach der Pause mit Delius sowie Bernstein.

Gerade weil es wohl niemals ein tragischeres Ende für eine so stürmische Liebe gab, als bei diese beiden Sprösslinge aus verfeindeten Veroner Clans. Nach dem Familienbann macht der gutgemeinte Plan des Pater Lorenzo alles noch schlimmer. Ein Schlaftrunk soll Julias Zwangsheirat mit dem ungeliebten Grafen Paris verhindern, doch Romeo hält die schlafende Geliebte für tot und nimmt Gift. Julia erwacht, sieht die Leiche Romeos und ersticht sich. Die beiden verfeindeten Familien versöhnen sich am Grab der Kinder.

„Denn nie gab es ein so herbes Los als Julias und ihres Romeos.“

Das 5. Sinfoniekonzert – Romeo und Julia

Romeo und Julia bei Tschaikowsky

Tschaikowskys Fantasieovertüre “Romeo und Julia” macht den Anfang. Weniger an der Nacherzählung der Geschichte interessiert konzentriert er sich auf den Ausdruck, auf einzelne Stationen und Charaktere. Zuerst zieht mit einem Choral Pater Lorenzo ein, es gibt Mitleid mit den Liebenden. Dann gibt es einen Tumult – die verfeindet Häuser kämpfen gegeneinander.

Dies geht über in ein wunderbar schönes Liebesthema – mit Harfe und Streicher, das am Ende in einen Trauermarsch übergeht.

Die Neue Philharmonie Westfalen Foto: Pedro Malinowski
Die Neue Philharmonie Westfalen
Foto: Pedro Malinowski

Prokofjew und das Ballett

Die drei Suiten für Orchester basierend auf seinem Ballett “Romeo und Julia” komponierte Prokofjew, weil das Ballett erst nicht aufgeführt wurde – das Bolschoi-Theater fand, es sei nicht tanzbar. Dabei beschäftigt sich “Romeo und Julia” vor allem mit dem Gefühlsüberschwang blutjunger Menschen und wirkt somit ganz anders als bei Tschaikowsky.

Delius und die moderne Interpretation

Frederick Delius‘ “The Walk to the Paradise Garden“ aus „A Village Romeo and Juliet“ (nach Gottfried Kellers “Romeo und Julia auf dem Dorfe”) geht das Thema völlig neu an. Hier kommen Romeo und Julia nicht aus den besten Familien, sondern aus einfachen Verhältnissen. Es sind Kinder verarmter Schweizer Bauern. Doch sind die Familien auch hier zerstritten und die Liebe endet im gemeinsamen Selbstmord.

Die Musik ist traurig – schön – und schwebend. Viele Holzbläser, die Harfe wird gezupft. Traumhaft.

Leonard Bernsteins Musical West Side Story

Dann wechseln wir nicht nur die Zeit und den Kontinent, sondern werden auch deutlich jazziger. Leonard Bernsteins „West Side Story“. Die Sinfonischen Tänze.

Wusstet ihr, dass Leonard Bernstein in diesem Jahr Hundert geworden währe?

Diesmal sind Romeo und Julia im New Yorker Bandenkrieg gelandet. Hier sind aber nicht nur die Familien verfeindet, es kommt auch noch eine soziale Komponente hinzu. Tony (Romeo) ist New Yorker, Maria (Julia) ist Puerto Ricanerin. Es geht dabei nicht vorrangig um die Handlung, sondern eher um das Gefühl. Deutlich erkenne ich natürlich “Somewhere”, werde Zeuge des Treffens von Tony und Maria und auch die “Cool”Fugue (Allegretto), in der die Jets und die Sharks als rivalisierende Banden gegeneinander kämpfen, darf nicht fehlen. Doch auch diese Liebe bekommt ebenso wie bei Shakespeare kein Happy End.

Das Musiktheater im Revier (MiR)

Zum Gelingen des Abends war es wundervoll, dass der Zuschauerraum und die Bühne so gebaut sind, dass sie kompakt und eher klein wirken. Das Musiktheater im Revier (MiR) ist mit 1004 Plätzen im Großen Haus nicht wirklich klein, aber irgendwie doch intim. Das wirkt sogar bei einem Philharmonischen Konzert so.

Musiktheater im Revier (MiR) - Außenansicht bei blauer Stunde Foto: Pedro Malinowski
Musiktheater im Revier (MiR) – Außenansicht bei blauer Stunde
Foto: Pedro Malinowski

Das Haus wurde 1959 eingeweiht (Architekt: Werner Ruhnau). Am Bau waren von Anfang an verschiedene Künstler beteiligt: Robert Adams (Relief an der Außenwand), Norbert Kricke (Relief am Kleinen Haus), Jean Tinguely (zwei mechanische Reliefe für das Foyer des Kleinen Hauses) und in ganz besonderer Weise Yves Klein.

Yves Klein hat für das MiR sechs seiner typischen monochrom blauen Wandtafeln gestaltet. Das sind übrigens die einzigen, zu seinen Lebzeiten öffentlich gezeigten Arbeiten. Das wiederum liegt wahrscheinlich auch daran, das Yves Klein schon mit 35, drei Jahre nach Eröffnung des MiR starb.

monochrom blaue Wandtafeln von Yves Klein im MiR Foto: Pedro Malinowski
monochrom blaue Wandtafeln von Yves Klein im MiR
Foto: Pedro Malinowski

Das MiR ist nicht nur eines der modernsten (nicht jüngsten) Theater in NRW, es ist bestimmt auch eines, wenn nicht sogar das Schönste!

Fazit

Auch wenn all diese Musikstücke nicht glücklich enden – ich war am Ende des Abends sehr glücklich. Das Programm ist wunderbar durch konzipiert und die Philharmoniker spielen unter der Leitung von Rasmus Baumann einfach wunderbar.

Weitere Termine

  • 6. Sinfoniekonzert: “Beethoven in Dur” – 19., 20. und 21.02.2018
  • 7. Sinfoniekonzert: “Deutsche Frühromantik” – 12., 13. und 14.03.2018
  • 8. Sinfoniekonzert: “Lateinamerika” – 09., 10. und 11.04.2018
  • 9. Sinfoniekonzert: “Helden” – 25., 26. und 27.06.2018

Alle Fotos unterliegen dem Urheberrecht von Pedro Malinowski und dürfen nicht kopiert oder weiterverwendet werden. 

Andrea lebt in Dortmund und arbeitet nach vielen Irrungen und Wirrungen jetzt an der Kaffeefront.
Als Botschafterin des guten Filterkaffees liegt der (Kunst-)Historikerin die Liebe zur Oper, der Musik und den schönen Künsten immer noch im Blut.
So oft es ihr möglich ist reist und schreibt sie auch für snoopsmaus.

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