Nach zweieinhalb Jahren Renovierung eröffnete das Schauspiel Dortmund am 16.12.2017 wieder das Haus am Hiltropwall. Zweieinhalb Jahre, die fast ausschließlich dem Brandschutz gewidmet wurden (stimmt, innen sieht es vom Zuschauerraum und im Foyer aus wie immer – und die Werkstätten sieht man als Zuschauer nie) und das Schauspielhaus feiert mit zwei Stücken über Brände Premiere. Welche Ironie!

Kay Voges, Intendant des Schauspiels am Theater Dortmund, wünschte uns allen daher auch:

„Möge hier mehr glänzen, als die neuen Notausgangsschilder.”

Biedermann und die Brandstifter sowie Fahrenheit 451 spielen da, wo immer wieder politisch motivierte Brände gelegt werden und gehen dabei sehr ins Detail. Die Stücke, die außerordentlich gut zusammen passen, werden nacheinander gespielt, es wird keine Collage. Nur hier und da ein kleiner Verweis auf das andere Stück.

Biedermann und die Brandstifter

Zuerst kommt die Familie Biedermann an die Reihe. Im Untertitel heißt dieses Stück auch „ein Lehrstück ohne Lehre“ und wir werden Zeuge, wie der Punkt verpasst wird, um drohendes Unheil zu verhindern. Frisch schrieb es als Stück über die Umstrukturierung eines Staates in ein totalitäres Regime (1958) und ist damit so aktuell, wie man nur sein kann.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft wird bis zur Schmerzgrenze betrachtet. Die Familie Biedermann versucht mit starren Abläufen und vielen Strukturen möglichst nichts falsch zu machen, aber immer wieder bricht Aggression, Wut und Sex sich ihre Bahn.

Die Biedermanns leben in einer Stadt, in der regelmässig Brandanschläge verübt werden. Die Häuser werden von Hausierern, die sich unter dem Dach einquartieren, angesteckt. Dann dringt genau dieser Unbekannte – Josef Schmitz – ins eigene Zuhause ein. Den Biedermanns ist das sehr suspekt. Sie fühlen sich unwohl, können sich aber erst nicht dazu durchringen, die Brandstifter – Herr Schmitz bekommt sehr schnell besuch von Herrn Eisenring – auf die Straße zu setzten. Denn erst kommt die Geschichte von der schlimmen Kindheit, dann die von all den schlechten Menschen, die ihnen Schlimmes unterstellen.

Biedermann und die Brandstifter - Dortmunder Sprechchor, Ekkehard Freye, Alexandra Sinelnikova, Frauke Becker Foto: B. Hupfeld
Biedermann und die Brandstifter –
Dortmunder Sprechchor, Ekkehard Freye, Alexandra Sinelnikova, Frauke Becker
Foto: B. Hupfeld

Als die beiden Brandstifter schon das Benzin im Haus haben und sehr ungeniert darüber reden, hat Gottlieb Biedermann endlich Angst. In diesem Augenblick kommt die Gesellschaft, um sie zu warnen (ein großartiger Auftritt des Dortmunder Sprechchores), wird aber von Biedermann weggeschickt. Er versucht, die Brandstifter mit einem Gänseessen milde zu stimmen. Er hofft, dass wenn sie Freunde werden, die Brandstifter vielleicht nur das Nebenhaus anstecken und er kommt mit heiler Haut davon.

Die Inszenierung von Gordon Kämmerer lässt uns zusehen, wie Gesellschaften offenen Auges in ihr Unheil rennen. Die Brandstifter, die sich in dieser Welt einnisten, tun dies mit großem Geschick und wenig Skrupeln.

„Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“ – Josef Schmitz

Fahrenheit 451

In dem 1953 von Bradbury geschriebenen Roman  ist die Katastrophe schon geschehen. In dieser neuen Zeit ist das politische Feuerlegen institutionalisiert. Bücher gelten als Heimat des eigenständigen Denkens und sind daher als Gefahr für das Allgemeinwohl verboten. Alle noch existierenden Exemplare werden aufgespürt und vernichtet – und zwar von niemand anderen als der staatlichen Feuerwehr.

Der Feuerwehrmann Guy Montag lernt seine neue Nachbarin Clarisse McClellan kennen und fängt an Bücher zu retten. Seine Ehefrau Mildred hingegen lässt sich, als typisches Kind ihrer Zeit, den ganzen Tag von riesigen Fernsehwänden berieseln. Dort sieht sie auch die Serie „die Familie“, in der „unsere“ Biedermanns dargestellt werden.

Fahrenheit 451 - Bettina Lieder, Uwe Schmieder Foto: B. Hupfeld
Fahrenheit 451 – Bettina Lieder, Uwe Schmieder
Foto: B. Hupfeld

Mildred verrät ihren Mann an seinen Chef. Es wird klar, die gleichgeschaltet-entfremdete Gesellschaft entstand nicht durch autoritäre Maßnahmen von oben – sondern langsam aus sich selbst heraus. Diese Gesellschaft treibt alle, die anders sind, im nackten Blutrausch vor sich her.

Fazit

Beide Stücke machen nochmal ganz deutlich, dass es eine bequeme und einfache Einteilung in Täter und Opfer gar nicht gibt. Alle sind Beides, aber nichts funktioniert ohne Zivilcourage von allen, immer.

Fahrenheit 451 -Dortmunder Sprechchor, Uwe Schmieder Foto: B. Hupfeld
Fahrenheit 451 -Dortmunder Sprechchor, Uwe Schmieder
Foto: B. Hupfeld

Der Inszenierung merke ich die Lust zur großen Bühne an. Die Wohnung der Biedermanns wird – ganz in Pastellgrün und minimalistisch und praktisch gehalten – in die Unterbühne gefahren, in Fahrenheit 451 lässt man es Regnen und Regnen und Regnen …

Die Verdeutlichung der Biedermann-Monotonie wird mit extremen Wiederholungen von Bewegungsabläufe sehr ausgedehnt – das ist so monoton, dass es schwer auszuhalten ist. Auch die aggressiven Intermezzi wirken auf mich schon sehr verstörend – aber durchaus passend, um zu verdeutlichen, dass unter dem biederen Deckmantel wirklich alles passiert. Der Regen in Fahrenheit 451 verhilft zu wunderschönen Bilder. Die Metapher des Staates, der seine Bürger durch Überwachung nackt macht und bis aufs Blut peinigt, ist gelungen – wenn auch ein wenig lang.

Für mich ein durchaus gelungener Auftakt der Spielzeit 2017/2018 und das Versprechen, dass das Dortmunder Theater weiter ein Politisches ist – das sich aktiv einsetzt.

Also – reingehen!

Anmerkung von Romy, die ebenfalls mit in der Premiere war:
Die Inszenierung des Theaters Dortmund ist modern. Bekanntermaßen. Auch provokativ. Die Darstellung der Biedermanns und ihrer Monotonie in choreografierten Bewegungsabläufen und zartem Grün ist so simpel und dennoch passend. Auch Nacktheit kann ein Mittel zur Verdeutlichung sein. Warum aber die Hälfte von Fahrenheit 451 ein Schauspieler nackt auf der kalten Bühne stehen muss, bleibt mir schleierhaft. Auch einen Teddybären sexuell zu missbrauchen ist ein wenig über das Ziel hinaus geschossen und unterstreicht oder verdeutlicht meiner Meinung nach nichts. Weder bei Biedermann und die Brandstifter, noch bei Fahrenheit 451.

Details

Biedermeier und die Brandstifter/Fahrenheit 451
von Max Frisch/ Ray Bradbury
ca. 140 Minuten, keine Pause

Regie: Gordon Kämmerer

Mit: Ekkehard Freye, Alexandra Sinelnikova, Björn Gabriel, Max Thommes, Frauke Becker, Uwe Schmieder, Merle Wasmuth, Bettina Lieder, u.a.

Ort

Theater Dortmund – Schauspielhaus
Theaterkarree
44137 Dortmund

Website

Termine

07., 10., 21. & 26.01.2018
18.02.2018
08. & 16.03.2018
10.06.2018

zu unterschiedlichen Zeiten
bei den meisten Terminen findet etwa 30 Minuten vorher eine Einführung statt

Preise

9-23 Euro

Andrea lebt in Dortmund und arbeitet nach vielen Irrungen und Wirrungen jetzt an der Kaffeefront.
Als Botschafterin des guten Filterkaffees liegt der (Kunst-)Historikerin die Liebe zur Oper, der Musik und den schönen Künsten immer noch im Blut.
So oft es ihr möglich ist reist und schreibt sie auch für snoopsmaus.

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