Die Ausstellung Germaine Krull: Chien Fou – Autorin und Fotografin im Museum Folkwang in Essen widmet sich einer außergewöhnlichen Persönlichkeit der Fotografiegeschichte. Vielen ist Germaine Krull vor allem als Vertreterin der fotografischen Avantgarde der 1920er- und 1930er-Jahre bekannt, wenn einem der Name überhaupt bisher unterkam.
Doch die Retrospektive zeigt weit mehr als nur ikonische Fotografien: Sie präsentiert eine eigenwillige Künstlerin, die zugleich Autorin, politische Beobachterin, Kriegsreporterin und Weltbürgerin war.
Mit rund 400 Fotografien, Texten, Briefen und Dokumenten eröffnet die Ausstellung einen neuen Blick auf das Werk von Germaine Krull sowie auf ein bewegtes Leben im 20. Jahrhundert. Die Ausstellung kannst Du noch bis zum 15. März 2026 besichtigen.
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Wer war Germaine Krull?
Germaine Krull (1897–1985) zählt zu den prägenden Figuren der fotografischen Moderne. Die deutsch-niederländische Fotografin arbeitete in einer Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs und entwickelte eine Bildsprache, die stark von der Avantgarde der Zwischenkriegszeit geprägt war.

Nach einer fotografischen Ausbildung in München begann Krull in den 1920er-Jahren in Berlin und Paris zu arbeiten. Besonders ihre Fotografien von industriellen Strukturen, Maschinen und Architektur machten sie bekannt. Der 1928 erschienene Fotoband Métal gilt bis heute als Schlüsselwerk der modernen Fotografie. Mit ungewöhnlichen Perspektiven, starken Diagonalen und dramatischen Bildausschnitten inszenierte sie Kräne, Brücken und Stahlkonstruktionen als dynamische Symbole einer neuen industriellen Welt.

Doch Germaine Krull war mehr als nur eine Fotografin der Moderne. Sie schrieb Reportagen, autobiografische Texte und literarische Erzählungen und hinterließ ein publizistisches Werk, das lange weniger Beachtung fand als ihre Fotografien.
Die Ausstellung „Chien Fou“ im Museum Folkwang
Mit der Ausstellung „Germaine Krull: Chien Fou“ widmet sich das Museum Folkwang erstmals seit über zwei Jahrzehnten wieder umfassend dieser vielseitigen Künstlerin. Grundlage der Präsentation ist der umfangreiche Nachlass Krulls, der seit 1995 im Museum aufbewahrt wird.
Der Titel der Ausstellung verweist auf „Chien Fou“ – französisch für „verrückter Hund“. Dieser Spitzname war zugleich das Alter Ego, unter dem Krull 1934 ein autofiktionales Werk veröffentlichte. Die Ausstellung setzt diesen Begriff als Leitmotiv ein, um Krull nicht nur als Fotografin, sondern auch als eigenständige intellektuelle Stimme sichtbar zu machen.

Fotografien und Texte werden bewusst in Dialog gesetzt. Dadurch wird deutlich, wie eng Germaine Krulls Bildsprache und ihre schriftlichen Reflexionen miteinander verbunden sind.
Ein Rundgang durch Leben und Werk
Der Ausstellungsrundgang spannt einen weiten Bogen durch Krulls Leben – von den frühen Studienjahren in München bis zu ihrem späten Werk in Südostasien.




Avantgarde und „Neues Sehen“
Ein Schwerpunkt liegt auf den Arbeiten der 1920er-Jahre, als Krull in Paris zu den wichtigsten Vertreterinnen der modernen Fotografie zählte. Ihre Fotografien von Maschinen und Metallkonstruktionen gelten als Paradebeispiele für das sogenannte Neue Sehen, eine avantgardistische Bildsprache, die mit radikalen Perspektiven und ungewöhnlichen Bildausschnitten experimentierte und die wir auch bereits vom Bauhaus unter Moholy-Nagy kennen.

Krull fotografierte Kräne, Brücken oder den Eiffelturm aus extremen Blickwinkeln – von oben, von unten, in starken Diagonalen. Die Bilder wirken bis heute erstaunlich dynamisch und vermitteln ein Gefühl von Geschwindigkeit und technischem Aufbruch.

Neben diesen berühmten Fotografien zeigt die Ausstellung auch Porträts und Reportagebilder aus Paris, darunter Aufnahmen von Künstlern und Intellektuellen der Zeit.

Reportagen, Politik und Krieg
Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich Germaine Krull als politisch engagierter Beobachterin ihrer Zeit. Sie arbeitete als Reportagefotografin für Magazine und veröffentlichte Texte zu gesellschaftlichen und politischen Themen.
Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sie sich für die französische Widerstandsbewegung. Später arbeitete sie als eine der frühen weiblichen Kriegsberichterstatterinnen und dokumentierte unter anderem militärische Ereignisse im Elsass.

Diese Phase zeigt eindrucksvoll, wie stark Germaine Krulls Werk auch mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden ist.
Exil und neue Lebenswelten
Der Krieg markierte einen Wendepunkt im Leben der Künstlerin. 1941 verließ Germaine Krull Europa endgültig. Über Marseille, Martinique und Rio de Janeiro führte ihr Weg schließlich nach Südostasien.


Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst weiterhin als Pressefotografin in Indochina, bevor sie sich in Thailand niederließ. In Bangkok leitete sie viele Jahre lang das legendäre Oriental Hotel – eine überraschende Wendung in einem ohnehin außergewöhnlichen Leben.

Die Ausstellung macht auch dieses weniger bekannte Spätwerk sichtbar: Fotografien und Texte aus Südostasien und Indien, die lange kaum im Fokus der Forschung standen.





Forschung, Vermittlung und digitale Zugänge
Ein besonderer Teil der Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der Universität Duisburg-Essen. Sie entwickelten einen eigenen Ausstellungsraum, der sich mit Krulls Netzwerken, ihren Buchprojekten und ihren Erfahrungen im Exil beschäftigt.

Hier finden Besuchende auch eine kleine Ausstellungsbibliothek mit wissenschaftlichen Publikationen zu Themen wie Exil, Avantgarde oder Fotografiegeschichte.

Parallel zur Ausstellung wurde zudem eine Open-Access-Datenbank veröffentlicht, die zahlreiche digitalisierte Texte von Germaine Krull frei zugänglich macht. Damit eröffnet sich erstmals ein breiter Zugang zu ihrem publizistischen Werk.

Begleitend erschien außerdem eine umfangreiche Publikation mit ausgewählten Texten der Künstlerin.
Germaine Krull: Eine vielschichtige Wiederentdeckung
Die Ausstellung Germaine Krull: Chien Fou zeigt eindrucksvoll, wie vielschichtig das Werk dieser außergewöhnlichen Fotografin ist. Wer Germaine Krull bislang vor allem als Avantgarde-Fotografin der 1920er-Jahre oder gar nicht kannte, entdeckt hier eine komplexe(re) Persönlichkeit.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Krull nicht nur eine bedeutende Bildkünstlerin war, sondern auch eine reflektierte Autorin und Chronistin ihres Jahrhunderts. Ihre Fotografien und Texte erzählen von politischem Engagement, von Exil und Migration und von einem Leben, das sich immer wieder neu erfand.
Gerade diese Verbindung von persönlicher Biografie und globaler Geschichte macht die Ausstellung im Museum Folkwang meiner Meinung nach zu einer spannenden Entdeckung für alle, die sich für Fotografie, Kunstgeschichte und die kulturellen Umbrüche des 20. Jahrhunderts interessieren.
Museum Folkwang
45128 Essen
Website zur Ausstellung
📅 Laufzeit: 28. November 2025 bis 15. März 2026
🕒 Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag, Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag, Freitag 10-20 Uhr
🎟 Tickets: regulär 9 €, ermäßigt 5 €
👧 Freier Eintritt: für Kinder unter 6 Jahren
🌐 Tickets & Infos: online über die Website des Museum Folkwangs oder an der Tageskasse erhältlich
🚇 Haltestelle: Rüttenscheider Stern (Stadtbahn 107, 108 und U11 Richtung Bredeney/Messe Gruga), ca. 7 min Fußweg
Im Anschluss wird die Ausstellung ab 22. Mai 2026 in Wetzlar zu sehen sein. Eine Kooperation zwischen den Städtischen Museen Wetzlar und dem Kunstverein Wetzlar.
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Fotos: Die Fotos unterliegen meinem Urheberrecht. Die gezeigten Werke unterliegen den Rechten der Nachfahren der Künstlerin. Das Ausstellungskonzept unterliegt dem Urheberrecht des Museums Folkwang. Alle meine Fotos sind auf Flickr zur Inspiration zu finden.
Offenlegung: Ich konnte die Ausstellung im Rahmen der Pressekonferenz kostenlos besuchen. Meine Meinung blieb davon unbeeindruckt. Die Anreisekosten wurden selbst getragen.





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