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Hoesch Beamtenhäuser

Am Borsigplatz verführt

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Seit ich in Dortmund wohne, verwöhnt mich meine bessere Hälfte mit interessanten Ideen. Er schenkte mir zum Einzug eine der Borsigplatz VerFührungen mit dem Titel „Stern des Nordens – Stadthistorischer Rundgang durch das Borsigplatzviertel“, damit wir unser neues Viertel besser kennenlernen. Denn auch wenn mein Freund seit Jahren in der Nordstadt wohnt, Nordstadt ist nicht gleich Nordstadt!

Hafen, Nordmarkt und Borsigplatz sind gefühlt wie drei Stiefschwestern in der nördlichen Innenstadt – man kennt sich, man hat ein gemeinsames Schicksal, aber freiwillig möchte man mit dem anderen nicht wirklich etwas zu tun haben. Dabei hat das Borsigplatzviertel wirklich viel Schönes und Geschichtliches zu bieten, wie wir gestern Mittag bei strahlendem Sonnenschein von Annette Kritzler lernen durften.

Annette Kritzler
Annette Kritzler, Geografin und Museumspädagogin

Hoesch und die Ansiedlung in der östlichen Nordstadt

Angefangen am Hoesch-Museum und vor den Toren des ehemaligen Hoesch-Verwaltungsgebäudes der Westfalenhütte trafen wir uns mit weiteren Interessenten an der Führung, die sich später als das Filmteam der crowdgefundeten BVB-Doku herausstellten, und lauschten Annettes Worten. Die Nordstadt ist Annettes Leidenschaft und Steckenpferd, was man ihr in jedem Moment der Führung anmerkt. Nicht nur, dass sie seit knapp 26 Jahren selbst in Borsigplatznähe lebt, sie setzt sich auch aktiv für ihre Nachbarschaft ein und engagiert sich stark gemeinnützig. Doch damals wie heute scheint die Nordstadt das Problemkind der Stadt zu sein. War der Borsigplatz lange nicht einmal ein Platz, so existierte meine Wohngegend bis vor ca. 150-175 Jahren nicht. Sie bestand aus Marschland und Hirten weideten ihr Vieh, das Gerberviertel Dortmunds leitete seine hochgiftigen Abwässer in die Kukelke, die dann Richtung Nordstadt floss – kein einladendes Fleckchen Erde. Doch preiswertes Land und die Hoffnung auf Kohle und Roterzvorkommen liessen Hoesch und sein Stahlhütte dort bauen.

Doch Arbeiter wurden schnell und in der Nähe gebraucht, so dass Hoesch viele der umliegenden Gebäude erbauen ließ – angefangen von Mietshäusern für einfache Arbeiter, die noch untervermieten mussten (nicht selten mit sog. „Bratkartoffelverhältnis“ zur Mietmutter), bis hin zu kleinen Reihenhäusern für Beamte (= höhergestellte Arbeiter). Viel gibt es also rund um die alte Westfalenhütte zu entdecken. Doch nicht nur Hoesch baute. Auch die Kirche investierte. Da Hoesch zu Höchstzeiten fünfstellige Angestelltenzahlen vorzuweisen hatte und Arbeiter aus anderen Gegenden anlockte, gab es auf einmal nicht nur Katholiken in der Nordstadt – und die Lutherkirche wurde gebaut. Heute ist das Viertel multikulturell geprägt und neben drei Kirchen gibt es drei unterschiedliche Moscheen andächtig neben einer russisch-orthodoxen Kirche.

Borsigplatz ohne BVB geht nicht

Auch der BVB Dortmund kam nicht zu kurz. Mit der katholischen Dreifaltigkeitskirche steht in der Flurstraße quasi die Keimzelle des erfolgreichen Bundesliga Erstligisten, die „weiße Wiese“ ist nicht weit (dazu gibt es übrigens eine Führung von Annette) und in meiner Straße wohnte Franz Jacobi, einer der Gründungsväter des BVB. Er wohnte in dem Komplex der Spar und Bau, zu dem auch das Concordiahaus mit der „Meisterglocke“ gehört (die dort erst seit 1997 hängt!). Viele weitere schön renovierte sowie guterhaltene Jugendstil- und Gründerzeithäuser lagen auf unserem Weg. Es erinnert mich ein wenig an meine Geburtsstadt Leipzig – nur mit einer etwas anderen Geschichte. So finden sich an einigen Häuser Steigersymbole, die auf den Tagebauhintergrund der Nordstadt (Zeche Kaiserstuhl) hinweisen.

Seit gestern fühle ich mich nun etwas mehr angekommen in Dortmund – Dank einer begeisternden Führung durch meine „Hood“ und einem krönenden Abschluss bei Nüsschen und Tee im Muskara Kuruyemis, dem wohl bestsortiertesten Nussladen weit und breit, mit direkter Lage am Borsigplatz.

Natürlich hat Annette noch viel, viel mehr erzählt – wunderbare Anekdoten zum Beispiel zu den öffentlichen Badehäusern am Borsigplatz oder Karl Hoesch – aber ich möchte hier ja nicht zu viel verraten.

Weitere Fotos finden sich auf Flickr.

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Details

Borsigplatz VerFührungen Annette Kritzler & Anette Plümpe Website: borsigplatz-verfuehrung.de

Führungen

Es gibt insgesamt 11 verschiedene Führungen, sog. „Bausteine“ aus denen man wählen kann. Vom Hoeschpark bis zum Hafen wird die gesamt Nordstadt Dortmunds abgedeckt und ob Fußballfan oder nicht, es ist für jeden etwas dabei, sogar eine kulinarische Tour. Konkrete Termine bitte der Website entnehmen.

Preisniveau

„Stern des Nordens“ hat 12 Euro pro Person gekostet, inklusive Nüsschen und Tee im Muskara. Gleiches Preisniveau hat u.a. auch die „Weiße Wiese“-Tour sowie die „Glaubensvielfalt“-Tour. Für Gruppen ab 15 Personen reduziert sich der Beitrag bei den Touren auf 10 Euro. Die Gastronomiesafari kostet 40 Euro pro Person (inkl. 4-Gänge-Menü). Mit der Dortmunder Tafeltour kann man sogar etwas Gutes tun. In den 12 Euro Beitrag sind 5 Euro Spende enthalten.

Dauer: ca. 2 Stunden

Gutscheine

Es besteht die Möglichkeit, die Führungen als Gutschein zu verschenken.

Erreichbarkeit

Der Borsigplatz sowie das Hoesch-Museum sind gut mit der Stadtbahnlinie U44 (Westfalenhütte) zu erreichen.

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