Ich schäme mich, ein Sachse zu sein #bloggerfuerfluechtlinge

Zur Zeit schäme ich mich sehr, was meine Herkunft anbelangt. Sachsen, mein Heimatbundesland, ist zur Zeit immer wieder und wieder in den Schlagzeilen, weil Asylbewerber angegriffen, ausländerfeindliche Parolen gegröhlt und Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesteckt werden. Dagegen muss doch etwas unternommen werden! Also mache ich den Mund auf – und stehe nicht damit alleine. Unter #bloggerfuerfluechtlinge und der dazugehörigen Website werden weitere Botschaften von Bloggern für ein friedliches Miteinander, aber auch Sach- und Geldspenden gesammelt, um zu helfen. Dieser Beitrag ist ein Teil davon.

Es ist Zeit, den Kleingeistern entgegenzutreten!

Es ist Zufall, dass ich weiß bin und mit der Nationalität „Deutsch“ zur Welt gekommen bin. Das ist nichts, worauf ich mich ausrufen kann oder was mich über andere Menschen stellt. Doch manche Menschen scheinen genau das zu denken. Dass ihre Hautfarbe und der Ort ihrer Geburt aus ihnen etwas Besonderes macht. Dabei konnte sich keiner von uns seine Eltern, seine Lebenssituation oder seine Hautfarbe aussuchen – weder Schwarze zu Zeiten der Sklaverei in den USA noch Syrer, die sich auch nicht ausgesucht haben, in einem diktatorischen Land zu leben, in dem ein Bürgerkrieg vor über vier Jahren ausbrach und nun auch die ISIS ihr Unwesen treibt.

Vor nicht all zu langer Zeit war meine Familie auch nicht Teil der Bundesrepublik Deutschland. Davor war ein Teil meiner Familie selbst Flüchtlinge, oder wie die Generation sich selbst gerne nennt: Vertriebene. Da hatten wir schon einmal das Problem, dass wir uns erdreistet haben, uns über andere Menschen zu stellen und der Evolution die Auslese der Schwächeren abnehmen. Dies geschah in Form von Euthanasieprogrammen und der bürokratisch genau geplanten und durchgeführten Massenvernichtung Menschen jüdischen Glaubens. Diese menschenverachtenden Maßnahmen gipfelten in einen unvorstellbaren Krieg, der Millionen von Menschen das Leben kostete, der in Japan noch Jahrzehnte später die Folgen der Atombombe durchleiden lässt, die unzählige Millionen Menschen auf Flucht durch Europa trieb. Damals war meine Familie auf Familie und Fremde in anderen Ecken Europas angewiesen – und wurden herzlich aufgenommen, konnten nach dem Verlust von Hab und Gut und mit nur wenigen Habseligkeiten, aber Dank der Hilfe der Menschen vor Ort ein neues Leben beginnen. Willkommenskultur nennt man das heute. Diese vermisse ich aber leider in vielen Ecken Deutschlands.

Willkommenskultur

Auch ich habe Willkommenskultur erlebt. Als die Mauer 1989 fiel und wir uns am 11.11.1989 in stundenlangen Staus auf dem Weg Richtung Bayern befanden, da waren wir Fremde und die Menschen der Bundesrepublik hießen uns freudig willkommen. Wir bekamen Begrüßungs- und Weihnachtsgeld – wenn man mal hochrechnet gab es damals 17 Millionen DDR-Bürger, das Begrüßungsgeld betrug für jeden 100 DM – und keiner hat uns als Schmarotzer oder Betrüger beschimpft, obwohl es sicherlich auch genügend schwarze Schafe gab, die mehr als einmal das Geld einstrichen.

Wenn heute Menschen aus kriegszerstörten Gegenden kommen, das Schlimmste vom Schlimmsten erlebt haben, quälende Ungewissheit und Strapazen auf sich genommen haben, um Krieg, Tod und Terror zu entgehen, dann müssen sie in Deutschland einer Menschenmasse gegenüber stehen, die sie angreift, anpöbelt und auch noch mit Böllern attackiert. Was löst das in den Menschen aus, die täglich in ihrer Heimat schwerer Artillerie und Maschinengewehrsalven ausgeliefert waren? Was für psychische Traumata werden dadurch wieder wach? Ist das nicht ungefähr vergleichbar, wenn ein Kind vom Nachbarn sexuell missbraucht wurde und derjenige immer schön jeden Tag schwanzwedelnd vor dem Grundstück und in Sichtweite des Kindes auf und ab gehen würde? Das Kind würde das Trauma noch schwerer verkraften und wir würden gegen den Nachbarn etwas unternehmen, die Polizei rufen, das Kind in Therapie schicken.

Auf dem rechten Auge blind

Warum unternimmt aber kaum einer etwas gegen die Randalierer? Warum wird in Heidenau genau ein Mensch festgenommen, ein Freelens-Journalist? Warum steht die Polizei ohne etwas zu tun rum, wenn eine Frau die Bundeskanzlerin auf das Schlimmste diffamiert und beleidigt? Ist die Polizei so sehr auf dem rechten Auge blind? Hat sich denn seit der NSU gar nichts getan? Anscheinend nicht. Die rechte Szene, Neo-Nazis und auch die NPD sind zumindest in Sachsen ein Problem, welches nicht erst seit gestern besteht. Das Problem bestand auch schon 1998, als ein Mitschüler von mir abends auf dem Weg nach Hause von drei oder vier Neo-Nazis zusammengeschlagen wurde. Ohne Grund. Er sah für sie wohl zu südeuropäisch aus, nur weil er dunkle Locken und braune Augen hatte. Das sind alles keine Gründe, wahllos auf Menschen einzuschlagen! Das Jugendzentrum der Stadt habe ich übrigens nie von innen gesehen, weil es als Hort rechter Gruppen verschrien war. Es hat sich seitdem nicht wirklich etwas getan.

Die NPD hat natürlich auch leichtes Spiel in Sachsen. Es gibt außerhalb der Ballungszentren kaum Geld in den Kommunen, um Angebote für Kinder und Jugendliche aufrecht zu erhalten. Da haben dann Jugendorganisationen der NPD und der rechten Szene etwas organisiert und so wurden schon Kinder von früh an mit dem Hass auf anders Denkende und Aussehende geschürt. Dabei gibt es in Sachsen und auch Thüringen so gut wie keinen Anteil an Menschen mit anderen Pässen und Migrationshintergrund. Auch nehmen diese Bundesländer bisher auf jeden Einwohner gerechnet die wenigsten Asylbewerber auf.

Die Angst vor dem Unbekannten

Doch irgendwie scheinen die Menschen vor Ort in Heidenau und Freital und wie die Orte alle heißen eine große Angst zu haben vor dem, was ihnen angeblich genommen wird. Eine diffuse Angst vor dem Unbekannten – und ich möchte dies nicht nur auf die Ex-DDR-Bürger eingrenzen und die 40 Jahre hinter dem eisernen Vorhang als Antwort auf alle Fragen darstellen. Denn auch in Bremen, in Baden-Württemberg, in Bayern und anderen Gegenden ist die rechte Gewalt ein Thema. Da brennen auch Flüchtlingsunterkünfte, die von den Steuergeldern hergerichtet wurden, um die sich die Menschen doch so sorgen. „Besorgte Bürger“ aller Orten, die aber mit einer Präzision ohne Gleichen Steuergelder vernichten und sich gegen die Grundlagen des deutschen Staates stellen. Paradox.

Deutsche Flüchtlinge

Aber gerade ehemalige DDR-Bürger müssten doch wissen, was es heißt, in unfreien Verhältnissen, unterdrückt und ohne Recht auf freie Meinung zu leben. Nicht wenige sind von ihnen 1988/1989 und auch früher in den sagenumwogenen „Westen“ geflüchtet. Nach drüben. Was, wenn die ungarische Regierung damals auch schon so rechtspopulistisch gewesen wäre und einen Grenzzaun für DDR-Bürger errichtet hätte? Was wäre, wenn Genscher nicht die Ausreise in der Prager Botschaft verkündet hätte? Was, wenn die Todesstrafe in der DDR nicht 1981 zuletzt vollzogen worden wäre? Wie viele Deutsche wären an die Wand gestellt worden oder zumindest für lange Zeit in Bautzen II eingesperrt gewesen?

Diese Menschen, die es über Ungarn und auch die Prager Botschaft in den Westen schafften, mussten übrigens auch erstmal in Auffanglager wie in Gießen. Auch diese Menschen hatten fast nichts, haben ihre Häuser und Wohnungen verlassen, zum Teil auch ihre Familien und natürlich Freunde. Lebten auch in Ungewissheit vor der Zukunft auf engstem Raum in Doppelstockbetten – aber wenigstens in der Gewissheit, dass nicht auch noch das letzte Hemd und die letzte Zufluchtsstätte zerstört wird. Was jetzt mit Flüchtlingen passiert, ist einfach nur eine Schande und zeigt die Abgründe der Menschheit. 25 Jahre scheinen schon zu viel zu sein, um so etwas nicht zu vergessen.

Das Grundgesetz

Haben denn alle da draußen, die auch nur latente Ausländerfeindlichkeit posten und verbreiten, auch den Paragraphen §1 des Grundgesetzes vergessen?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Das ist unsere vielbeschworene Verfassung, die mit Füßen getreten wird, aber worauf auch andererseits sich bezogen wird, um den regierenden Politikern Volksverrätertum zu unterstellen.

Solche Dialoge mit Alltagsrassismus sind an der Tagesordnung auf Facebook – gefunden bei einer entfernten Cousine, die auf dem Foto verlinkt war:

Alltagsrassismus auf Facebook

Alltagsrassismus auf Facebook

Auch erinnere ich mich in diesem Zusammenhang gerne an George Orwell. Nein, nicht „1984“ und die totale Überwachung (die in Deutschland existiert, gegen die übrigens kaum einer massiv vorgeht). Ich denke an „Animal Farm“ (Farm der Tiere) und an die Schweine. Alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Heute sind es die Menschen, die sich auf ihrem „Deutsch sein“ ausruhen und sich damit überlegener und gleicher fühlen als andere. Dafür haben diese Menschen aber nichts geleistet. Kaum einer hat etwas dazu beigetragen, dass wir zum einen rechtsstaatlichen, freien und demokratischen Staat gehören, zu diesem fragilen Konstrukt Deutschland, welches erst seit 25 Jahren besteht. Die Menschen, die in Leipzig und in anderen Städten in den 1980er Jahren auf die Straße gingen und gegen ein diktatorisches, manipulatives, überwachendes System vorgingen und so die Freiheit für 17 Millionen ermöglichten, die sind die wahren Helden. Die haben etwas beigetragen. Sie haben uns zu „dem Volk“ vereint. Das jetzt „Wir sind das Volk“ so in den Schmutz gezogen wird, beschämt mich zutiefst. Dabei geht es uns doch gut. Wir können mittlerweile Reisen, wohin wir wollen. Der deutsche Pass ist einer der besten Pässe mit den wenigsten Auflagen für Visa in der ganzen Welt. Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir legen uns abends hin ohne in der Ferne Munitionsfeuer zu hören, wir haben fließend Wasser ohne Krankheiten, Strom, Autos, mehr als ein T-Shirt und eine Hose sowie ein paar Unterhosen.

Was ist eigentlich Deutschland?

Ihr dürft mich hier ruhig Hippie nennen, denn generell halte ich Ländergrenzen und „mein Land“ für überholt. Die Erde ist für uns alle da. Sie war vor uns schon da und wird es wohl auch nach uns noch sein. Wir leben auf ihr und alles darauf ist nur für einen Wimpernschlag in der Geschichte geborgt. Wir haben nach und nach jeden Winkel der Erde entdeckt und uns angeeignet, gesiedelt und sind weitergezogen. Die Völkerwanderung brachte eine erste Durchmischung, die Römer erbauten die erste deutsche Stadt (Trier) und Deutschland war ein Konglomerat aus vielen kleinen Könighäusern. Ein geeintes Deutschland kam erst mit der Vereinigung des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Königreichen zum Deutschen Reich im Jahre 1870. Das ist gerade mal 145 Jahre her. Was bilden wir uns also darauf ein, etwas von „unserem Land“ zu schwafeln? „Mein“ Heimatland war mal die DDR, die Heimat meiner Großeltern liegt hinter der Oder-Neiße-Grenze im heutigen Polen. Eine bis drei Generationen ist das her. Das ist nichts, ein Witz.

Was der Bauer nicht kennt.

Aber: „Was der Bauer nicht kennt…“ – da flüchten Christen aus Syrien aus Angst vor dem ISIS-Terror und der möglichen Vernichtung durch diese und hier werden sie beschimpft, weil sie halt nicht weiß sind, nicht nach Christen aussehen. „Dreckige Ausländer“. Beschimpft oft von Christen, die sich eigentlich nach dem neuen Testament und den Werten Jesus Christus orientieren. Das Hauptgut, was Jesus uns mitgab war: Nächstenliebe. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Doch die vorherrschende Neuinterpretation scheint „Wenn jeder zuerst an sich denkt, dann ist an alle gedacht.“ zu sein. Da frage ich mich, wie manche Groß- und Ur-Großmutter den Krieg überlebt hätte, wenn damals die Menschen auch schon so gedacht hätten. Das Phänomen Trümmerfrauen hätte es wohl nicht gegeben und viel mehr Menschen wären ohne Obdach irgendwo auf dem Weg in eine bessere Zukunft am Wegesrand zurückgeblieben. Wo bleibt euer Mitgefühl gegenüber allen Menschen und vor allem für Kinder?

Fazit

Es ist eine Schande, was gerade in Deutschland und Europa passiert. Hilfesuchende Menschen nicht die Hand entgegen zu strecken, sie dafür aber lieber im Mittelmeer ertrinken lassen oder gar wieder zurück in die Gaskammern von Auschwitz und Co. zu schicken – Dinge, die in Deutschland zur Zeit auf Facebook und anderen Netzwerken zu lesen sind. Wofür aber auch Gott sei Dank schon Strafen ausgesprochen und Menschen von ihren Arbeitgebern vor die Tür gesetzt wurden. Gebt rechtem, hetzendem, ausländerfeindlichem und rassistischen Gedankengut keinen Zentimeter Platz! Wehret den Anfängen. Helft, wo ihr nur helfen könnt. Erzeugt eine Gegenmeinung, eine Gegenöffentlichkeit zur schreienden Masse! Denn schon meine Oma wusste: Wer schreit hat Unrecht.

Lasst uns Deutschland zu einem bunten Ort voller Fröhlichkeit, der Hoffnung und der Chancen auf ein neues Leben machen. Unser Land ist groß und auch wir waren vor rund 70 Jahren auf Hilfe und Großzügigkeit anderer Staaten angewiesen. Ohne Marshall-Plan wäre wir längst nicht so ein wohlhabendes Land, wie wir es heute sind. Die Zeit zu teilen und etwas zurückzugeben ist gekommen.

Romy (*1981) hat ihre Heimatbasis in der Ruhrmetropole Dortmund, Deutschland und arbeitet als Blogger und Freelancer im Bereich Social Media und Community Management.

Sie ist Blogger seit 2006.
Sie bloggt auf Deutsch über Reisen seit 2013.
2016 startet sie auch einen englischen Reiseblog.

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