Living the future – Ich nenne es Arbeit

(Danke für die Titelinspiration an Uwe und Sascha)

Social Media Manager, aber auch Blogger, always online, aber nicht immer bereit zu kommunizieren, Pendler, in der Freizeit auch noch Reisender – wie sieht eigentlich mein Arbeitsleben zur Zeit aus und warum sehe ich mich genötigt, mich hier zu rechtfertigen? Nur, weil ich anfange, den Traum der zukünftigen Arbeitswelt zu leben?

Living the future Symbolbild

Lebe ich anders als andere?

Nein! Die Arbeitswelt wandelt sich und in vielen Gesprächen, z.B. auf dem BarCamp in Nürnberg oder der re:publica, konnte ich feststellen: Ich bin nicht allein. Mit der Digitalisierung der Welt um mich herum ist es auch für mich ein Leichtes, von fast überall zu arbeiten. Dies tue ich ausgesprochen gerne, im Zug, in der Straßenbahn, am Flughafen, in Coworking Spaces oder in einem Café. Dennoch wird von mir erwartet, dass ich einen gewissen Teil meiner Arbeitszeit in einem Büro verbringe. Dabei hätte ich gerne viel mehr Ruhe und schließlich werde ich für meinen Kopf und nicht für meinen Ar*** bezahlt.

Doch Kommunikation rein über Telefon, E-Mail oder Skype, mit VPN-Verbindung zum Server (ein Clouddienst wäre mir lieber, da mich der VPN immer mal ärgert) oder gar einer Integration von Google Apps setzt sich leider noch nicht durch. Soziale Aspekte und direkter Kontakt mit Feedback durch Mimik und Gestik sind natürlich nicht zu unterschätzen und wertvoll, brauche ich aber keine 8 Stunden am Tag. Mal ehrlich, ein Konzept oder einen Contentplan könnte ich theoretisch auch im Flugzeug nach Timbuktu schreiben. Ich bin nicht unbedingt auf Kollegen angewiesen, sondern eher auf ein für mich passendes Umfeld – und eine ausgewogene Menge an Latte oder Mate. ;)

Dieser Problematik widmete sich schon die diesjährige CeBit in einer Blogparade. „Arbeitsplatz der Zukunft“ lautet das Stichwort – und viele Social Media und andersweitig digital affine Menschen sind schon in dieser Zukunft von ihren Vorstellungen und Wünschen angekommen. Wir leben schon jetzt diese kleine Evolution der Arbeitswelt bzw. wünschen sie uns und versuchen sie gegenüber unseren Arbeitgebern zu erläutern. Doch wir scheitern noch und viel, vor allem am oft beschworenen mittlerem Management. Daher macht sich in der Szene ein gewisser Frust breit. Doch es ist immer noch eine geringe Minderheit, die versucht, andere von der „Brave New World“ zu überzeugen.

Home Office und flexible Arbeitszeiten (Gleitzeit) sind da ein erster Schritt. Doch seien wir ehrlich, das können sich fast nur große Unternehmen leisten. Agenturen reden sich hingegen immer noch ein, dass um 9 Uhr jeder an seinem Arbeitsplatz zu sitzen hat – wenn also in Unternehmen Gleitzeit akzeptiert ist und dies Kunden von Agenturen sind, warum dann immer noch 9 to 5? Da kann man doch mit den Kunden andere Absprachen treffen, z.B. eine bestimmte Kernzeit – mit Kernzeit != 9-18 Uhr.

Home Office ist in Agenturen eher eine Ausnahme und selbst in großen Unternehmen ist es eher nur dann gestattet, wenn ein vollwertiger Arbeitsplatz von der Firma zu Hause eingerichtet wurde. Das hat u.a. versicherungstechnische Gründe und nur manche moderner eingestellte Chefs erlaubt Home Office auf „eigene Gefahr“ (und meist über Citrix – ist auch nicht das Gelbe vom Ei!). Denn wer hat nicht mal Handwerker im Haus oder das Bedürfnis, einfach mal in Ruhe und ohne störende Nebengeräusche eine Präsentation oder ein Konzept fertig zu schreiben. Mit Familie und anderen frei arbeitenden Menschen im Haus kann aber auch die nötige Ruhe ein Problem sein. Da erfordert es klare Absprachen und Verständnis, dass man arbeitet und einige Stunden nicht gestört werden möchte. Das Kindern zu erklären, dürfte nicht immer leicht sein.

Home Office kann auch ein Problem sein, weil die emotionale Bindung zu den Kollegen fehlt. Es kann also auch kein alltägliches Mittel sein. Führen z.B. kann man nicht nur via E-Mail. Bei starken Hierarchien dürfte dies also generell nicht funktionieren.

Weniger arbeiten und Zeit haben für eigene Projekte?

Mit meinem jetzigen Job habe ich meine Stunden reduziert, ich versuche zu entschleunigen, weil ich wie fast jeder im Social Web umtriebige Mensch eigene Projekte realisieren möchte, die mich erfüllen. Dabei möchte ich mich nicht verbrennen oder gar ausbrennen. Mein Job macht mir Spaß, aber ich bin nicht selbstbestimmt und mir fehlen diverse Aspekte, die ich in meinen Projekten auslebe. Außerdem sind die Urlaubstage in Agenturen ohne Überstundenregelung einfach für meine Pläne nicht ausreichen. Ich arbeite jetzt also nur noch 90%, was 35 Stunden entspricht, in Agenturen sind 40 Stunden die Woche üblich. In Unternehmen kann das durchaus auch nur 38 Stunden sein, plus flexible Arbeitszeiten, Überstundenkonto mit Stunden zum Abbummeln sowie 30 Tagen Urlaub… Ja, es hat alles so seine Vor- und Nachteile. ;)

Nun gut, 35 Stunden die Woche versuche ich trotz fast 2 Stunden Pendeln jeden Morgen und Abend in 4 Tage zu quetschen, so dass ich am 5. Tag der Woche Zeit fürs Blog, für meine Fotos, fürs Reisen, für freiberufliche Aufträge und für Events wie das Canon Out of Auto habe. Das ist meine Freiheit, die ich mir gönne, nachdem ich die obigen Vorzüge eines Unternehmens freiwillig hinter mir gelassen habe.

Doch dies ist nicht so einfach umzusetzen bzw. anderen Mitarbeitern klar zu machen (auch vielleicht eine Frage der Kommunikation). Es ruft Neid und Unverständnis vor und ich glaube, nach mir wird es lange keinen geben, der mit solchen Bedingungen eingestellt werden wird. Obwohl solche Regelungen heute kein Problem mehr sein sollten. Teilzeit für Mütter und Väter sollten auch in Agenturen mittlerweile Usus sein – einzig die Größe der Agentur und das Finanzielle könnten ein limitierender Faktor sein.

Aber ich werde nicht die Letzte sein, die sich mehr Freiheit und Flexibilität wünscht. Solche starren Konstrukte treiben daher immer mehr Menschen in die Selbständigkeit. Nicht aus Teamunfähigkeit oder Unlust am Arbeiten in festen Strukturen, oft ist es einfach der Frust über das Unverständnis, die Unflexibilität und andere Vorstellungen. Auch kann die Politik in Unternehmen zermürben. Vor allem in der Schnelllebigkeit des Netzes sind die alten Strukturen von großen Unternehmen einfach zu langatmig. Jeder will mitreden, doch keiner möchte auch nur ein Stück des Kuchens abgeben. Das Verlassen der Komfortzone, das Ausbrechen aus der Silodenke wiegt schwer trotz hoher Flexibilität bei der Zeiteinteilung. Agenturen sind da auch keinen Deut besser. Im Gegenteil. Wenn ich Daniel Backhaus einmal zitieren darf, dann sind gerade die innovativsten Firmen die zumeist konservativer und innovationshemmender als Unternehmen.

Doch was ist der Preis für mehr Flexibilität? Ich habe natürlich nicht mehr das gleiche Geld wie vorher im Unternehmen. Das scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass ich bewusst Einbußen hingenommen habe. Ich habe mir meine Freiheit erkauft. Bei 40 Stunden hätte ich durchaus einiges mehr aushandeln können. Doch das sehe ich auch immer wieder im Umfeld des Social Webs: Money doesn’t count anymore. Auf ein paar Euro kommt es mir nicht mehr an, solange ich meine Wohnung und Rechnungen bezahlen kann (kann ich aber aus dem Standpunkt heraus sagen, weil ich nicht auf Hartz IV-Niveau verdiene und leben muss). Der Trend geht eh zu weniger Besitz – Shareconomy ist stark in vielen Lebensbereichen im Vormarsch. So lange ich so glücklich bin, kann ich mit den Einbußen von rund 800 Euro brutto gegenüber meinem vorherigen Job leben. Effektiv sind das etwas mehr als 300 Euro netto weniger auf dem Konto. Dafür muss ich aber meine Anreise zum Büro nicht eigenfinanzieren. Die BahnCard ist halt der materielle Ersatz dieser Differenz und war eine reine Verhandlungsfrage. Eine Monatskarte für meine Pendelstrecke plus Nahverkehr an beiden Standorten wäre im Monat teurer. So bin ich auch noch flexibler und kostengünstiger bei Dienstreisen. Außerdem fallen keine Extrakosten für Reisen zu z.B. BarCamps und re:publica an.

Was machst Du die ganze Zeit? Twittern?

Ja, unter anderem. Twitter läuft bei mir immer auf dem zweiten Bildschirm. Dort ist Tweetdeck offen mit zig Spalten, u.a. auch für Kunden und mit diversen Schlagwortsuchen. Twitter ist in erster Linie mein Nachrichtenkanal und die Möglichkeit, einfach mit ganz vielen Menschen in Kontakt zu bleiben. Dabei habe ich weiß Gott nicht den ganzen Tag ein Auge drauf. Doch wenn ich mal eine Frage habe, dann kann ich dort schnell und unkompliziertes Feedback erwarten und bekomme es auch. Dann steht mein Smartphone nicht mehr still, weil einfach bei meiner aufgebauten Masse an liebenswerten und tollen Followern einfach viele hilfsbereit sind und etwas zu einer Frage beitragen können.

Für jemandem im Social Web tätigen Menschen wirkt es auch etwas seltsam, wenn jemand nur vor 9 und nach 18 Uhr twittert. Das ist unglaubwürdig. Oftmals sind daher Inhalte bei mir auch geplant und werden zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgespielt. Ab und zu bin ich aber auch in Echtzeit aktiv, eben weil es Nachrichten- und Kontaktquelle ist. Vieles an wichtigen News im Bereich Social Media läuft auch über meinen privaten E-Mail-Account, den ich daher auch immer im Auge behalte. Dort laufen Reportingtools und Monitoringnachrichten rein – es war ein Learning aus dem Jobhopping der letzten Jahre. Auf meinen Gmail-Account habe ich von überall Zugriff und bekomme das Monitoring als Mail auch am Wochenende auf das Smartphone gepuscht und kann so schnell und unkompliziert auch mal Samstag aus dem Bett in der Community durchgreifen. Das macht mir auch nichts aus, im Gegenteil. Ich verstehe das auch als Teil meiner Arbeit, auch wenn ich zu einer bestimmten Zeit im Büro den Stift fallen lassen muss, um meinen Zug zu erreichen. Deswegen vernachlässige ich meine Communitys doch nicht. Das Internet schläft nicht und so habe ich vor dem Gang ins Büro schon eine Übersicht über die Dringlichkeit und kann abends beruhigt ins Bett gehen, weil der letzte Blick immer auf die Communitys geht.

Twittern ist also Teil meines Jobverständnisses. Ebenso verhält es sich mit Networking. Ich habe gute Kontakte, tolle Freunde und Bekannte, die mir täglich auf den verschiedenen Kanälen neuen Input geben, meine Sichtweise ändern, neue Argumente für oder gegen etwas liefern, einfach: mein Leben bereichern. Vor allem auch beruflich. Es blieb nicht aus, dass man sich im Social Web mit anderen Menschen vernetzte, die sich mit Digitaler Kommunikation auskennen, von denen ich lernen kann oder die spezielle Skills haben oder in bestimmten Firmen arbeiten, wie z.B. Facebook. Dieses Netzwerk wurde mit mir eingekauft – und manchmal glaube ich immer noch viel zu billig ;) – und dieses Netzwerk will gepflegt werden! Durch meine örtliche Gebundenheit und Anwesenheitspflicht kann ich halt nicht immer abends ein Bier mit vielen aus meinem Netzwerk trinken gehen. Doch Social Media erlaubt es mir, mich mit ihnen auszutauschen und irgendwie doch an ihrem Leben teilzunehmen. Auch das ist vor 9 und nach 18 Uhr eher schwierig zu verargumentieren. Darum sind mir die re:publica und diverse BarCamps so wichtig. Denn ab und zu muss man halt auch mal mit „virtuellen“ Kontakten ein „reales“ Bier trinken gehen.

5 Weiterbildungstage im Jahr, die man nicht für solche Veranstaltungen frei nehmen darf? Alles selbst finanzieren, obwohl es für einen persönlich die wichtigsten Veranstaltungen im Jahr sind? Urlaub nehmen, weil man nicht ständig die Frage hören will: „Und, was hat es uns gebracht, dass Du da warst?“ oder „warum hast Du xyz nicht geschafft, Du hattest doch WLAN auf der re:publica?“ – Wirklichkeit meiner letzten Jahre. Da fehlt oft selbst das Verständnis für die einfachsten Dinge. Auf einer Veranstaltung, wo man gefühlt 1/4 der Leute kennt, ist es nun mal schwierig, sich an die Seite zu setzen und konzentriert zu arbeiten. Ständig kommt einer vorbei. Außerdem ist man auch wegen der Veranstaltung da und möchte den Talks und Diskussionen folgen und sich halt auch mit den Anwesenden austauschen. Wer einmal drei Tage hintereinander auf einer Konferenz war von 10-19 Uhr, der weiß auch, wie anstrengend das ist. Da ist man dann abends auch froh, wenn man einfach ins Bett fällt. Da treffen einfach unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinander, unterschiedliche Verständnisse und meist fehlen klare Absprachen. Da muss ich mir auch echt vorwerfen, dass meist einfach auch aus solchen Gründen eher nicht anzusprechen, um mich nicht wieder rechtfertigen zu müssen. Kommunikation ist halt immer noch alles. Da bin ich weiß Gott nicht perfekt. Ein Großteil in Deutschland aber auch nicht.

Reale Treffen und virtueller Austausch mit anderen Gleichgesinnten sind wichtig. Vor allem unter Community Managern muss man sich ab und zu auch mal „auskotzen“ und sich gegenseitig unterstützen. Dazu gibt es eine von meiner lieben Manu (Social Media Manager simyo) und mir gegründete Selbsthilfegruppe für Community Manager auf Facebook. Es ist eine geheime Gruppe, bei der wir eine extrem strenge Tür mittlerweile fahren und bei der auch Community Management anfällt. Dort tummeln sich aber auch wertvolle Kontakte von Saturn über ZDF bis hin zur Bundeswehr. Wohlgemerkt zum Großteil die Social Media Leute aus den Unternehmen, nicht aus den Agenturen. Nicht jeder Community Manager muss da zwangsläufig das Rad neu erfinden, wenn es um den Umgang mit schwierigen Kundenanfragen geht. Der direkte Austausch half mir schon oft – und diese Hilfe brauche ich halt zur Arbeitszeit, nicht davor oder danach.

Doch für all das herrscht noch wenig Verständnis sowohl in Unternehmen als auch in Agenturen. Wie oft hörte ich schon „Du wirst hier nicht fürs Blogpost lesen bezahlt!“ (aber lustige Youtube-Videos schickt doch mittlerweile jeder mal an die Kollegen – die Nachfolger der vermeintlich lustigen PowerPoint-Präsentationen). Das stimmt. Zum Teil. Denn wie kann ich gute Beratung in Richtung Kunden liefern, wenn ich nicht up-to-date in meinem Fachgebiet bin?! Social Media/Digitale Kommunikation ist so schnelllebig, dass Blogposts von heute morgen schon veraltet sind. Weiterbildungsseminare mit 3 Monaten Vorlaufzeit sind da nicht zielführend. Twitter ist da das perfekte Medium, welches mir die aktuellsten Blogposts zu einem Thema, zu Neuerungen in Echtzeit in mein Bewusstsein spült. Up-to-date zu sein kann also auch nur im Interesse des Arbeitgebers sein. Ein gut aus- und weitergebildeter Mitarbeiter ist immer noch das A und O. Weiterbildung in der Freizeit? Ja, mache ich auch viel. Doch wie oben schon angedeutet, lernt man viel aus den Diskussionen mit Kontakten aus der gleichen/ähnlichen Branche und die führen Diskussionen, wenn sie über den Tag verteilt Artikel lesen und posten. Ich wäre wahnsinnig schnell raus aus vielen Dingen, aus meiner Arbeitsmaterie, würde ich solche Dinge nur noch nach 18 Uhr, im Zug, auf der Couch zu Hause oder am Wochenende lesen. Das ist auch teilweise bei der Fülle an Informationen und Anspruch an eine Life-Work-Balance (äußerst überstrapazierter Begriff, ich weiß, sorry.) auch nicht zielführend und geht total am Charakter von Social Media vorbei.

„Social Media ist kein Tool. Social Media ist eine Lebenseinstellung.“

Leider ist dies die Lebenseinstellung von noch zu wenigen Menschen, um grundlegend etwas in der Arbeitswelt für „Digitals“ zu ändern.

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Dieser Beitrag wurde ausschließlich im Zug verfasst, wie es sich für einen „Digitalen Nomaden“ gehört. ;)

Wichtige weiterführende Literatur gibt es ebenfalls bei Uwe zu tollen Sessions rund um Burn Out, Onlinesucht, innerer Kündigung uvm., von u.a. Teresa Bücker sowie von Johanna Emge, Ninia Binias und Kathrin Kaufmann.

Romy (*1981) hat ihre Heimatbasis in der Ruhrmetropole Dortmund, Deutschland und arbeitet als Blogger und Freelancer im Bereich Social Media und Community Management.

Sie ist Blogger seit 2006.
Sie bloggt auf Deutsch über Reisen seit 2013.
2016 startet sie auch einen englischen Reiseblog.

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