Blogparade: mein Zeugnis in der Grundschule

Zeugnisse – lang, lang ist es her, dass ich ein richtiges Schulzeugnis in den Händen hielt. Heute schlage ich mich eher mit den kruden Formulierungen eines Arbeitszeugnisses rum, um herauszufinden, wo ich abgewatscht wurde oder nicht. Arbeitszeugnisse sind für mich daher nicht sehr ehrlich, meine Schulzeugnisse hingegen schon. Allein schon die Kopfnoten gaben einen ersten Eindruck, was für eine Persönlichkeit da vor einem steht. Aber bis heute kann mir keiner so recht erklären, wie es zusammenpasst, dass man in Verhalten ein sehr gut haben kann und in Mitarbeit nur ein befriedigend. Nun ja, das steht aber auf einem anderen “Giftzettel”, in der Pubertät. Hier soll es ja eher um mein Grundschulzeugnis gehen.

Da ich die ersten 3-4 Jahre zur Schule in der DDR gegangen bin – bis die Wende kam – habe ich Schulnoten vom ersten Tag an bekommen, hatte Samstagsunterricht alle 2 Wochen, leistete Pionierarbeit, trat zum Fahnenappell an und durfte meine Talente im Werk- und Schulgartenunterricht demonstrieren. Man wird es kaum glauben, ich mochte Werken! Da habe ich eindeutig die technische Ader meines Vatis geerbt und meine technischen Zeichnungen waren dem Lehrer immer eine Eins wert. Wohl auch ein Grund, dass ich irgendwann mich für den naturwissenschaftlichen Zweig in der gymnasialen Ausbildung entschied und dann auch Chemie studierte. Schulgarten war eher nicht ganz so meins, aber ich war fit in Heimatkunde. Mein Vati förderte mich aber auch, wo es nur ging. Aus mir sollte mal was Besonderes werden, war ich doch sein kleiner Nesthaken (und eigentlich sollte ich ein Junge werden, erzähle ich euch aber ein anderes Mal). Und dass mein Onkel Oberförster in Bad Muskau (Fürst Pückler Park) war und ich oft als Kind auch im Wald war, sei es bei meinem Onkel oder im Thüringer Wald, auf dem Rennsteig oder durch zig Grotten rund um Saalfeld geschleust wurde, tat dem ganzen wohl auch keinen Abbruch.

Zeugnismappe

Zeugnismappe

Zeugnismappe - Innenblatt

Zeugnismappe – Innenblatt

Dies äußerte sich auch im Zeugnis zum Abschluss der 4. Klasse – Bernd Stiller, mein damaliger Klassenlehrer meinte, “mein Wissensstand würde weit über das Klassenniveau hinaus reichen” und ich würde mit “meinen klugen Antworten das Unterrichtsgeschehen” bereichern (geht immer noch runter wie Öl ;) ). Ich denke immer gerne an Bernd. Er war einer der wenigen Lehrer, die man in sein Herz schließt und nie vergisst, weil sie einem immer beistanden, weil man viel von ihnen lernte und sich immer mehr freundschaftlich verbunden fühlte. Meine Klassenlehrerin der 1.-3. Klasse, Frau Reiß, war auch so eine herzensliebe Dame, die dann leider in Rente ging. Aber beide Lehrer und auch später meine Tutorin Frau Harlaß oder mein Geschichtslehrer Gero Dudle waren solche Menschen, die es auch zuliessen, dass man sie zu Hause besuchte. Bei Bernd war das auch so. Bis zur 7. oder 8. Klasse hab ich ihn regelmäßig besucht, kannte seine Eltern, seine Freundin, bekam meinen Wellensittich von ihm geschenkt (er züchtete Wellensittiche und Papageien), er schrieb in mein Poesiealbum und noch heute weiß ich sein Geburtsdatum. Leider verstarb er an Krebs irgendwann in den letzten 5 Jahren. Ein herber Verlust für die Schulwelt, wie ich finde. Es betrübt mich immer noch, dass ich mich nie wirklich von ihm verabschieden konnte.

Zeugnis 4. Klasse

Zeugnis 4. Klasse

Mein bestes Grundschulzeugnis ist übrigens mein Halbjahreszeugnis in der 2. Klasse – da gehörte ich auch zu den drei Besten in der Klasse und bekam einen Bücherpreis: “Das Fräulein mit der roten Katze” – worüber ich auch schon in einer anderen Blogparade geschrieben habe. Das Buch begleitet mich jetzt also seit über 20 Jahren und ich habe es bestimmt 10 mal oder mehr gelesen, es steht immer noch griffbereit im Wohnzimmer. So etwas vergisst man nicht so einfach und es ist für mich immer noch schön, für meine Lernergebnisse belohnt worden zu sein. Dabei ist es durchaus ein anderes Gefühl, ein Buch als Auszeichnung vor der Klasse, als Geld für die Einser und Zweier von Mutti und Vati zu bekommen. Auch das war in der Grundschulzeit durchaus üblich bei uns. Leider habe ich vergessen, wie viel das für die Noten waren, was da zusätzlich zu meinen 2 Mark wöchentlichem Taschengeld hinzu kam. Meist wanderte das Zeugnisgeld eh umgehend ins Sparschwein.

Noten Halbjahr 2. Klasse

Noten Halbjahr 2. Klasse

Und ja…ich bin in Sport eine Niete. War ich immer und werde ich immer sein. Meine Füße machen mir da leider immer einen Strich durch die Rechnung. War ich im Kindergarten noch für das Sportförderprogramm der DDR ausgewählt worden, mussten meine Eltern und ich im 1. Schuljahr einsehen, dass der Orthopäde recht hat und ich mit meinen Hohlfüssen besser keinen Leistungssport mehr betreibe. Dabei weiß ich noch, wie gerne ich rhythmische Sportgymnastik und Balken Turnen machte. Etwas, was mir später absolut nicht mehr lag – zumindest das Balken Turnen. Immerhin hab ich es dann in der 12. Klasse noch mal zu Höchstleistungen gebracht und 12 Punkte erreicht, die ich auch ins Abi einbrachte. Den Spaß konnte ich mir nicht nehmen lassen. Auch meine einzigen 15 Punkte in Sport werde ich nie vergessen – 15 Körbe von der 3 Punktelinie im Basketball werfen, 5 gerade, 5 von links, 5 von rechts. Sie gingen alle rein, da haben die dummen Hühner nicht schlecht geguckt, die mich immer mobbten, weil ich nicht sportlich genug war. Ich hatte halt schon immer ein gutes Ballgefühl… ;)

Schön finde ich übrigens auch die Sätze in meinen Beurteilungen wie “Romy ist aufmerksam, erfüllt ihre Aufgaben schon mit großer Selbständigkeit und ist um saubere und ordentliche Heftführung bemüht.” (1. Klasse). Hatte immer mit meiner Schrift zu kämpfen und habe meine Handschrift erst zur Elfenhaftigkeit (btw Danke dafür an Daniel Rehn, der immer behauptet meine Handschrift sei eindeutig elbisch) im Studium verholfen. Bewusst habe ich mich da endlich um den passenden Füller bemüht, mit dem ich weich genug schreiben konnte, dass es eine schöne Handschrift ergab. Darum wird man mich höchstselten mit Kuli schreiben sehen, meist mit schwarzen Rollerballs oder halt Füllern mit schwarzer Tinte. Das ist schon fast ein Markenzeichen geworden.

Zeugnis 1. Klasse

Zeugnis 1. Klasse

Oder: “Für die künftige Schulzeit wäre es von Vorteil, wenn sie lernt, etwas selbstsicherer aufzutreten.” -  hab ich erst mit dem Studium geschafft, meine Nervosität zu kaschieren. Vor allem, wenn man in einem Hörsaal steht, 20 Medizinstudenten vor sich hat, denen Chemie beibringen soll, die aber teils sogar älter als man selbst sind. Mittlerweile habe ich meine große, ironisch-sarkastische Klappe kultiviert, aber es ist wohl immer noch ein gutes kaschierendes Momentum, um Unsicherheiten zu verbergen. Oft zweifle ich doch an meinen Talenten und Fähigkeiten, an meinem Wissen und an dem, was ich erreichen kann oder erreicht habe.

Aber in der 2. Klasse kamen dann auch solche Sätze wie “Alles schulischen Pflichten erfüllt sie, ohne sich anstrengen zu müssen. Sie arbeitet rationell und selbständig.” – das habe ich mir bis heute erhalten. Manchmal bin ich schon fast pragmatisch, was Arbeiten angeht, doch fällt mir Arbeiten leicht, weil ich meine Arbeit liebe – wenn man mich denn Arbeiten lässt. ;)

“vielseitig interessiert” – immer noch ein Fluch und ein Segen.

Zeugnis 2. Klasse

Zeugnis 2. Klasse

“Als Schülerin der Musikschule hat sie umfangreiche außerschulische Aufgaben zu erfüllen, leistet aber trotzdem gute Pionierarbeit” – ein prägender Satz. War ich ein Mitläufer? Hab ich einfach nur gerne geholfen, Altpapier und Dosen bei älteren Menschen zu sammeln? Ich weiß es nicht mehr.

“Romy ist höflich und diszipliniert” (2. Klasse) und “Im Umgang mit ihren Mitschülern verhält sie sich hilfsbereit und freundlich, vermeidet aber jede Überschwänglichkeit und ist gerade deshalb bei allen beliebt.” (3. Klasse) – bin ich auch heute noch, aber es kommt auf die Situation an. Das Lustige ist, ich bin absolut ordentlich am Arbeitsplatz und zu Hause stapelt sich alles auf dem Schreibtisch. Überschwänglich war ich noch nie und werde ich auch nie. Darum bin ich kein guter Berater, dieses Bussi-Wattebäuschen-Getue bei Kunden, diese Unterwürfigkeit vor’m Kunden hat nichts mit service- und beratungsorientiert zu tun, sondern ist schlichtweg feige und verlogene Kommunikation. Diese hat sich aber anscheinend im Großteil der Agenturen durchgesetzt. Darum bin ich auch der Macher und setze Dinge lieber um, konzentriere mich auf das Wesentliche. Wie in der 3. Klasse: “Romy hat auch in diesem Schuljahr alle ihre Aufgaben gewissenhaft und fleißig erfüllt. Sie lernt zielgerichtet und konzentriert sich immer auf das Wesentliche des Unterrichts … Romy ist eine vorbildliche Schülerin.”

Oder anders: Ich gehe zur Arbeit, nicht zum Kaffeekränzchen mit Freunden. Socialisen kann ich nach getaner Arbeit.

Zeugnis 3. Klasse

Zeugnis 3. Klasse

Danke noch mal an den Ostwestf4len und seine Idee, über sein Grundschulzeugnis zu bloggen. Auch ihr könnt noch an der Blogparade teilnehmen und zwar bis zum 31.07.2012.

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