Das Kreuz mit dem Kreuz

Es ist mittlerweile nicht gerade einfach, religiös zu sein und dazu zu stehen. Die meisten Menschen meines Alters und in meinem Bekanntenkreis sind zwar getauft, konfirmiert oder haben die Kommunion hinter sich, doch sie glauben nicht mehr. Ich merke oftmals die fragenden Blicke, wenn mein Kreuz an meiner Halskette zum Vorschein kommt. Manches Mal werde ich auch darauf angesprochen. Es ist dann nicht immer einfach, den Spott und das Unverständnis zu ertragen. Viele verstehen nicht, warum ich als naturwissenschaftlich geprägter Mensch gläubig sein kann. Warum auch nicht? Schließt sich nicht aus! Die ganzen Theorien der Naturwissenschaften lassen nur oftmals die Vermutung zu, dass etwas Höheres am Werk ist – diese Symmetrie in Kristallen, die Einzigartigkeit von Schneeflocken. Man möchte einfach glauben. Ich möchte glauben.

Glaube gibt mir auch Kraft. Für diese Kraft habe ich kämpfen müssen. Als Kind wohnte ich noch in der damaligen DDR und mein Vater arbeitete als leitender Ingenieur in einem Aluminiumwerk in der Nähe von Leipzig. In solchen Positionen ist man in der Partei gewesen und mit seiner Vergangenheit als Angestellter im Strafvollzug hat er garantiert auch für die Stasi gearbeitet. Somit war es für mich nicht möglich, so einfach in die Christenlehre zu gehen. Das war in der DDR eh schon verpönt, aber als Kind eines Parteifunktionärs… – und meine Mutti arbeitete auch noch beim Rat des Kreises (das Pendant zum Landratsamt) – darum bin ich heimlich gegangen. Meine Eltern wussten Bescheid, aber ich durfte nicht darüber reden und meine Kirchengemeinde war auch eigentlich nicht meine Kirchengemeinde. Ich besuchte die Christenlehre in einem Vorort, wo meine Familie nicht so bekannt war.

Es war daher auch meine eigene Entscheidung, mich dann kurz nach der Wende taufen zu lassen. Da war ich 10. Seitdem trage ich diese kleine goldene Kette um den Hals. Sie stammt übrigens aus Regensburg und ich hab sie zusammen mit meinem Vati ausgesucht. Es war eines der letzten größeren Geschenke von ihm. Ein Jahr später starb er. Seit dem hänge ich sehr an diesem kleinen Stück Edelmetall. Es gibt mir zusätzlich Kraft. Und wenn ich auch oftmals mit Gott hadere für das, was ich alles erlebt habe, so gibt mir diese Reibung mit der Religion auch wieder neuen Mut, neue Blickwinkel, neue Kraft. So vielen Menschen geht es wesentlich schlechter als mir und auch wenn ich harte Phasen im Leben hatte, so waren es nur Phasen und alles andere ein Jammern auf sehr hohem Niveau.

Auseinandersetzen mit Religion und Werten – und ich bin wertekonservativ – erdet auch ungemein. Nächstenliebe ist dabei für mich das Wichtigste. Vielleicht hat es was mit Erziehung zu tun, aber ich lasse gerne älteren Menschen den Vortritt beim Einsteigen in den Bus oder die Bahn, stehe auch gerne auf für ältere Menschen, helfe Menschen gerne, wenn sie mich nach dem Weg oder der Uhrzeit fragen. Gerne frage ich auch mal proaktiv, ob ich helfen kann, wenn Menschen fragend vor den U-Bahn-Plänen stehen. Und diese Nächstenliebe hilft mir dann wieder, einen schlechten Tag durchzustehen. Das glückliche Lächeln auf den Gesichtern von Menschen, denen man geholfen hat – unbezahlbar. Da vergisst man kurz die eigenen Depressionen und Probleme und schöpft neue Kraft.

Aber Religion ist für mich nicht der Gang in die Institution Kirche. Die Riten hatten in den Jahrhunderten so ihren Sinn und einen die Gemeinde, aber für meinen individuellen Glauben gibt mir die Kirche nichts. Bei anderen mag das anders sein, doch ich kann mit der Institution kann ich nichts anfangen. Vor allem, wenn ich mir so die Geschichte der Kirche ansehen, wirkt vieles auf mich einfach nur verlogen. Auch kann man Religion immer und überall ausüben. Warum muss ich am heiligen Sonntag dann auch noch zeitig aufstehen, um in die Kirche zu gehen und auf Anweisung zu beten oder Lieder zum Lobpreisen des Herren singen? Für mich ist Gott überall, in jedem Stein, in jeder Pflanze, in jedem Lebewesen.

Und nun zur Gretchenfrage: Sprich, wie haltet ihr es mit der Religion?

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